Das verstehende Gespräch

Vom Gegeneinander zum Miteinander

Das verstehende Gespräch ist eine - für die meisten Menschen: ungewöhnliche - Art des Miteinander-Redens. Diese Art des Gesprächs ist nützlicher, erfreulicher und spannender als der gewöhnliche Flachsinn, das übliche Gegeneinander oder das Aneinander-vorbei-Geplapper. Wenn das für dich interessant ist ... lies weiter :-)

Ein verstehendes Gespräch ist nicht-positional. Positional bedeutet: Positionen aufbauen und gegen Angriffe verteidigen, gegnerische Positionen angreifen und zu bezwingen suchen. Recht haben und behalten. Genau das findet im verstehenden Gespräch nicht statt.

Deshalb ist ein verstehendes Gespräch unmöglich mit Menschen,

  • die glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein,
  • die alles besser wissen,
  • die sich zu schwerfällig mit ihren Meinungen identifizieren, um offen gegenüber dem Anderen sein zu können,
  • die zu dezentriert sind, als dass sie sich überhaupt gegenüber irgendetwas öffnen könnten.

Die drei erstgenannten Fälle haben zu feste Überzeugungen, um offen sein zu können, die letztgenannte zu seichte. Wenn du nicht zu diesen Unmöglichkeits-Fällen gehörst ...

Deine Überzeugungen beruhen auf deinen Erfahrungen, all dem was du in deinem Leben erlebt und erlernt hast. Aber du hältst deine Erfahrungen nicht für absolut wahr, nicht für die einzig richtige, wahre, begründete oder legitime Sicht der Dinge. Deshalb kannst du anderen Menschen zuhören. Du bist offen und lernfähig.

Andererseits traust du deinen Überzeugungen aber doch eine gewisse Gültigkeit zu. Du hast nicht nur belanglose Meinungen, sondern du bist ein Mensch, der ernst zu nehmen ist. So schöpfst du aus deiner  Erfahrung, indem du diese mit einem Geltungsanspruch ins Gespräch bringst, dennoch aber bereit bist, dich durch Erfahrungen des Anderen in Frage stellen zu lassen.

Ein verstehendes Gespräch ist ein gemeinsamer Denkprozess, der die Lebenserfahrungen der Beteiligten spiegelt. Solch ein Gespräch ist ein geistiges Ringen, bei dem verschiedene existentielle Lebenserfahrungen aufeinander bezogen und aneinander gewogen werden.

Du hörst dem Gesprächspartner zu, prüfst kritisch seine Formulierungen und dein Verständnis dieser Formulierungen, versuchst durch Paraphrasieren und Hinterfragen zu verstehen, was er meint und inwieweit du damit übereinstimmen kannst. Du stellst deine Erfahrungen dagegen, nicht als bessere, sondern als andere Erfahrungen.

So sucht man gemeinsam nach erweiterten oder gar neuen Perspektiven, die als Gewinn an Lebensmöglichkeiten, durch den kritisch-verstehenden Austausch, erfahren werden. Was uns dabei treibt, was unsere Kritik, unsere Zustimmung oder unser beharrliches Weitersuchen motiviert, ist die Erweiterung unserer Lebenserfahrung, deren Gültigkeit und die Erschließung neuer Möglichkeiten.

Statt vorschnell Gegensätze zu konstruieren, wird das verstehende Gespräch geduldig die Tiefen der Erfahrung ausloten, um zu erfahren, ob in der Sicht eines Gesprächspartners irgendwo eine Offenheit besteht zu einer Möglichkeit hin, die wir selber noch nicht gesehen, vielleicht noch nicht einmal erahnt haben.

Wenn sich dennoch Widersprüche auftun, geht man nicht darauf aus, sie sogleich aus dem Weg zu räumen. Denn das hieße ja, indem man eine von zwei sich widersprechenden Positionen zugunsten der anderen für falsch erklärt, diese Position zu eliminieren und damit das Gespräch zu begrenzen. Es könnte durchaus  sein - und es erweist sich immer wieder, dass es so ist -, dass aus unterschiedlichen Lebenserfahrungen unterschiedliche Überzeugungen erwachsen, die einander scheinbar ausschließen, bei genauerer Betrachtung aber doch nebeneinander bestehen können. So können scheinbar sich ausschließende Positionen jeweils einen anderen Aspekt der Welt zur Geltung bringen, einer Welt, die wir ja doch nie als Ganze besitzen werden.

Das verstehende Gespräch ist weder tolerant noch intolerant - denn diese Begriffe gehen am Wesen dieses Gesprächs vorbei. Es geht nicht darum, den Anderen zu tolerieren, sondern darum, ihn zu verstehen. Tolerieren kann man alles und jeden - ohne auch nur zu wissen wer er ist und was er will. Jemanden tolerieren bedeutet neutral zu sein, aber man kann nicht verstehen, wenn man neutral ist. Ein verstehendes Gespräch ist kein Wir-haben-doch-beide-Recht-Gelabere, welches sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigt. Im Gegenteil wird die größte gemeinsame Differenz gesucht, denn nur Verschiedenheit kann Verstehen motivieren und neue Horizonte eröffnen. Nur in der Anerkennung der radikalen Andersheit des Anderen anerkennt man den Anderen als Anderen.

Man öffnet sich dem Anderen, aber man wechselt nicht mit fliegenden Fahnen die Fronten und man entkernt Widersprüche nicht zum Kleister. Für seine Überzeugungen kämpft man, sonst wären es keine. Aber es geht nie positional gegen den Anderen, sondern im wechselseitigen Verstehenshorizont zusammen mit dem Anderen. Bei einem verstehenden Gespräch läuft man immer Gefahr, dass sich eigene Überzeugungen ändern können - aber das wird als Vorteil betrachtet, nicht als Verlust.

Mit Relativismus hat das alles nichts zu tun. Es ist einfach die Einsicht, dass

  • sich Erkenntnis im Laufe der Geschichte wandelt,
  • jeder Mensch ein Individuum mit seiner besonderen Lebensgeschichte und seiner eigenen Erfahrungswelt ist,
  • und in die Unabgeschlossenheit jeder Wahrheit!

In verstehenden Gesprächen können wir "diesen faszinierenden imaginären Raum schaffen ..., in dem niemand im Besitz der Wahrheit ist und jeder das Recht hat, verstanden zu werden." (Milan Kundera)

"Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst."
(Ernst Bloch)


Weiter: Wie verstehende Gespräche geführt werden können


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