Die Utopie der offenen Zukunft

Das ideal der geschlossenen Zukunft, also eines Endzustandes der Geschichte mit der idealen Gesellschaft, ist nach Walter Benjamin die inhaltliche Bestimmung des Utopischen als schon immanente und in seiner historischen Form gewußte Struktur:

"Die Elemente des Endzustandes ... sind als gefährdetste, verrufenste und verlachte Schöpfungen und Gedanken tief in jeder Gegenwart eingebettet. Den immanenten Zustand der Vollkommenheit rein zum absoluten zu gestalten, ihn sichtbar und herrschend in der Gegenwart zu machen, ist die geschichtliche Aufgabe."

Vom "zurück zur Natur" über den Marxismus und die Religionen bis zum Nationalsozialismus beschreibt dieses Zitat die dahinterstehende fundamentalistische Ideologie: Der ideale Endzustand ist bekannt, wir müssen ihn nur noch verwirkichen.

Nach dem Scheitern aller Utopien - und dies ist die historische Lehre des 20. Jahrhunderts - hätte man es besser wissen können, könnte jeder es besser wissen. Das Problem ist nicht nur, daß all diese schönen Zukünfte in Massenmord und Diktatur endeten, das könnte vielleicht Zufall sein. Das Problem ist, daß die behauptete Kenntnis des letztgültigen Glückszustandes für alle Menschen immer eine innere Tendenz dazu hat, diesen Zustand den Menschen aufzuzwingen - es dient ja nur ihrem wahren Glück.

Von diesen Problemen ganz abgesehen kann man das Wissen um den endgültigen Glückszustand für alle Menschen nur dann haben, wenn man die Wahrheit über Gott, die Welt, die Geschichte und die Menschen kennt. Aber wir wissen (!) heute, daß alles Wissen historisch und kulturell bedingt ist. Jede historische Epoche und jede Kultur hat andere Ideale und Werte und deshalb andere Vorstellungen vom Glück der Menschheit und vom Ende der Geschichte. Abgesehen davon ist die Wahrheit selbst nur noch ein Fragezeichen, auf welches niemand eine Antwort weiß.

Die Alternative ist jedoch auch nicht das Festhalten am Gegebenen, denn daß wir auf dem falschen Weg sind und dies durch ökologische Ausdrücke formuliert werden kann - von politischen und wirtschaftlichen Problemen ganz zu schweigen - ist heute nur noch schwerlich zu bestreiten.

Wenn aber eine inhaltlich festgelegte Utopie unhaltbar geworden ist, weil es sowohl philosophisch als auch historisch unhaltbar geworden ist, zu behaupten, daß wir wissen könnten, wie eine bessere Welt in Wahrheit aussähe. Wenn außerdem das Festhalten am Gegebenen auch unhaltbar geworden ist, weil das "weiter so" in den globalen Kollaps führt, was haben wir dann noch für Alternativen?

Wenn "weiter so" nicht geht, muß eine Utopie her, wenn eine inhaltlich festgelegte Utopie nicht geht, muß eine inhaltlich unbestimmte Utopie her. Eine inhaltlich unbestimmte Utopie ist eine Utopie der offenen Zukunft. Aber besagt ein solches Etikett denn mehr, als daß die Zukunft offen sein soll? Wo bleibt das utopische Element?

Zum einen enthält die Vorstellung einer offenen Zukunft schon an sich ein utopisches Element, denn "offene Zukunft" beinhaltet, daß wir eine prinzipielle Offenheit zu immer neuen Lebensentwürfen zu jedem historischen Zeitpunkt anstreben. Das Gegenteil wäre eine Utopie einer geschlossenen oder beendeten Zukunft: Alles bleibt wie es ist!

Die offene Zukunft,
also die prinzipielle Offenheit zu immer neuen Lebensentwürfen
zu jedem historischen Zeitpunkt,
ist eine Zukunft, für die wir uns entscheiden müssen
und die wir anstreben müssen,
wenn wir sie wollen,
deshalb
und weil sie nicht Gegenwart ist,
ist die offene Zukunft eine Utopie.

Versuchen wir den Entwurf einer offenen Zukunft noch etwas näher zu bestimmen.

Wissen und Wirklichkeit sind durch den handelnden Menschen miteinander verbunden: Durch sein Handeln und die daraus resultierenden Wirkungen erwirbt er pragmatisches Wissen, d.h. Wissen als Werkzeug. Diese Verbindung von Handeln, Wissen und Werkzeug ist nur durch eine Lebensform möglich, die in ihren Lebensentwürfen auf eine offene Zukunft zielt, da es erst für künftige Handlungen möglich ist, sich an Wissen zu orientieren, welches durch gegenwärtiges Handeln erzielt wird. Jeder Wissenszuwachs zeigt uns neue mögliche Handlungen und neue beobachtbare Konsequenzen. Dadurch wird einerseits ein Teil des bisherigen Handelns als falsch erkannt, andererseits werden neue Handlungsentwürfe, d.h. neue Bestimmungen der Zukunft, möglich. Wir lernen an der Erfahrung für zukünftig mögliche Lebensformen.

Die uns bekannte Welt ist durch bewußt kontrollierte Handlungen in Richtung auf eine gewollte Zukunft veränderbar. Nicht immer, aber oft genug. Das ist eine für jeden Menschen täglich erfahrbare Tatsache, die vielleicht deshalb oft vernachlässigt wird, weil sie so selbstverständlich ist. Durch jeden bewußt gesetzen und verwirklichten Zweck verändern wir die Welt. Daraus folgt, daß wir unsere Wirklichkeit in wesentlichen Bereichen gemeinsam erzeugen. Kultur, die für Menschen als Menschen wesentliche Wirklichkeit, ist etwas, was Menschen allererst herstellen müssen und tatsächlich herstellten - und wenn wir sie herstellen, sind wir dafür verantwortlich. Die Verantwortung liegt in der Wahl eines Zukunftsentwurfs aus mehreren Alternativen und darin, was wir tun, um diese Zukunft zu realisieren.

Ein so gewählter Entwurf wird weder vollkommen bestimmt noch vollkommen unbestimmt sein. Einerseits wissen wir nicht genug, andererseits aber doch einiges. Einen solchen Entwurf eines künftigen Seins nennen wir unterbestimmt. Das ist es, was mit offener Zukunft gemeint ist:

Eine Zukunft, die in wesentlichen Aspekten festgelegt und
in wesentlichen Aspekten nicht festgelegt ist -
aber keinen Aspekt festlegt,
der ihre weitere Offenheit einschränken würde.

Welche Bedingungen sind Voraussetzung einer Utopie der offenen Zukunft?

  1. Offenheit: Entwürfe müssen kontrolliert so gewählt werden, daß auch in Zukunft freie Entscheidungen über künftige Handlungen möglich sind.
  2. Erkennen: Bedingung 1. ist nur zu erfüllen, wenn es dem Menschen gelingt zu erkennen, unter welchen Bedingungen er so handelt, daß er möglicherweise Bedingung 1. erfüllen könnte.
  3. Vorhersage: Bedingung 2. ist nur zu erfüllen, wenn es dem Menschen gelingt, in entscheidenden Fragen Wissen (Wirklichkeit) von Meinung (Unwirklichkeit) zu unterscheiden. Das ist immer dann möglich, wenn er Erfahrungen macht, die ihm ausreichend genaue Vorhersagen über Handlungsfolgen erlauben.
  4. Verständigung: Bedingung 3. ist, weil es hier wesentlich um psychologisches und soziales Wissen geht, nur zu erfüllen, wenn Menschen verständigungsorientiert und gemeinsam handeln, forschen und erschaffen.

Die Utopie einer offenen Zukunft ist also nur realisierbar durch Erwerb von Wissen, welches ausreichend genaue Vorhersagen über die Konsequenzen von Handlungen macht oder solche abzuleiten erlaubt - und dieses Wissen können wir nur durch gemeinsames verständigungsorientiertes Handeln erwerben.

Das sich daraus ergebende Programm ist:

Bewahrung der Freiheit.
Intensivierung verständigungsorientierten Handelns.
Gemeinsames Erschaffen der Zukunft.


Kommentare

Hallo Mike!

Ein aufschlussreicher Text! Ich komme nämlich von deinem auf www.thelema.de  vorgefundenen Vortrag "Thelema in 100 Jahren" her.

Dort deutest Du einen interessanten Zukunftsentwurf an: 

"Der altäonische Mensch ist ein Siedler hinter abgrenzenden Mauern in Wahrheits- und Identitätsfestungen. Das Neue Äon wird eine neonomadische Weltkultur sein. Wir werden uns selbst, Thelema und das Neue Äon nur insoweit erschaffen können, als wir Nomaden werden." (Auszug aus Text MDE)

Ich war dann etwas enttäuscht, als dein atemberaubender Text in eine "Offene Zukunft" mündete. "Wo bleiben die Nomaden?", hab ich mich gefragt. Ich hab halt geglaubt, am Schluss würdest du noch eine aufregende Utopie "auftischen"!

Jetzt glaube ich besser zu verstehen, was du mit "Nomadisieren" meinst: Aufbruch in "offenes" Gebiet.

Aber trotzdem möchte ich an dieser Stelle nochmals nachfragen:

Wie stellst Du Dir eine "Neonomadische Weltkultur" vor?

Hierzu kommen mir die Verse LL 3.4-9 in den Sinn: "Lurk! Withdraw! Upon Them!" als Schlachtruf der Neonomaden? Erst der Rückzug in die Festung ("fortified island") und dann der Ausfall ins neuäonische Nomadentum?

" Warum also nicht einmal, statt auf die ewige Unmöglichkeit der Revolution und die faschistische Wiederkehr einer Kriegsmaschine im allgemeinen zu wetten, den Gedanken wagen, dass ein neuer Typ von Revolution im Begriff steht, möglich zu werden, und alle Arten sich wandelnder, lebendiger Maschinen Kriege führen, sich vereinigen und einen Konsistenzplan entwerfen, der den Organisationsplan der Welt und der Staaten untergräbt?"

Gilles Deleuze/Claire Parnet, "Dialoge", Edition Suhrkamp 666

Wie verstehst Du Dich mit Deleuze? In seinen Schriften bin ich auch erstmals dem "Rhizom" begegnet und war hernach nicht erstaunt diesen Begriff auch in Deinen Texten wiederzufinden.

Liebe Grüsse!
Mayet

Halo Mayet,

ja, das sind die richtigen Fragen ... Für mich ist die primäre Prämisse die der offenen Zukunft, denn dann können wir aus Fehlern lernen. Darauf aufbauend ist die neonomadische Weltkultur eine Zukunftsvision: Den Mythos der Zukunft dichten ...

Thelema - die andere Art des Lebens enthält erste konkretisierte - aber noch völlig unfertige, ich arbeite weiter daran - Überlegungen. Das alles ist 'work in progress' - und du bist herzlich eingeladen deine Ideen, Gedanken und Anregungen beizutragen. Die Zukunft kann nicht das Werk eines Einzelnen sein. Deshalb Thelema-Society :-)

Die Überlegungen der französischen und italienischen (Vattimo!) Postmoderne sind anregend, aber leider viel zu allgemein. Ich lasse mich gern von Deleuze inspirieren, er hat ja auch einiges über Nomaden geschrieben, aber das muss konkretisiert und in Action transformiert werden. Da bleibt mir die Postmoderne zu theoretisch. Auch Musik kann revolutionäre nomadische Action sein, aber ich habe zu wenig Ahnung von Musik (obwohl ich Klavier, Trompete und Posaune gelernt habe - in meiner Jugend) - dafür bist du zuständig :-)

Ich mag dein Violinspiel und deinen Gesang!

Liebe Grüße

Mike

 

 

Hallo Mike

Dankeschön für Antworten und Anregungen und freilich für das schöne Kompliment!

Ich habe begonnen, mich in die "Andere Art des Lebens" zu vertiefen, aber sie ist "tief". Sobald ich wieder aufgetaucht bin, melde ich mich zurück mit "Muscheln" und "Perlen".

At least I hope so!

Bis dann

Mayet