Wie verstehende Gespräche geführt werden können

Einige Anregungen für ein verstehendes Gespräch

1. Meide die Gut-Böse Unterscheidung

Menschen unterscheiden gewöhnlich "Gut" und "Böse" und unterscheiden diese Unterscheidung als "Gut". Ich schlage vor, diese Unterscheidung als "Böse" zu unterscheiden, also Gut-Böse nicht zu unterscheiden. Warum?

Die Gut-Böse Unterscheidung impliziert die Achtung / Ächtung Unterscheidung. Wer unter "Gut" einsortiert wird, bekommt Achtung, der "Böse" hingegen Ächtung. Die Gut-Böse Unterscheidung ist böse, weil polemogen (kriegerzeugend) - was Fundamentalismus und Terrorismus nur exemplarisch vorführen.

Wenn du Gut-Böse nicht mehr unterscheidest, kannst du nicht nur vorurteilsfreier mit anderen Menschen reden, sondern du gewinnst damit erst die Möglichkeit, ein verstehendes Gespräch zu führen.

2. Auf den Anderen hören

Die meisten Menschen hören ihrem Gesprächspartner nicht zu. Sie sind, während der Andere spricht, schon mit dem Verfassen ihrer Antwort beschäftigt. Wie kannst du das besser machen?

Paraphrasieren bedeutet: eine Mitteilung mit eigenen Worten wiedergeben.

  1. Höre zu und paraphrasiere, was du gehört hast.
  2. Frage den Anderen: "Hast du das Gefühl, dass ich dich so richtig verstanden habe?"
  3. Wenn der Andere verneint oder sich nicht sicher ist, frage und paraphrasiere, bis er dir bestätigt, dass er sich verstanden fühlt.
  4. Jetzt - erst - bist du dran.

3. Zu dem Anderen reden
 
Wenn du willst, dass der Andere dir auch nur zuhört, musst du

  • eine Sprache sprechen, die er verstehen kann,
  • über ein Thema sprechen, welches ihn interessiert,
  • dich freundlich verhalten,
  • und Sympathie zeigen.

Wenn du willst, dass der Andere dich versteht, musst du zuerst ihn verstehen, also "auf den Anderen hören". Man kann nur "zu dem Anderen reden", wenn man "auf den Anderen hört".

4. Special: Kompaktbegriffe auflösen - wer, was, wann, wo, wie genau

Kompaktbegriffe sind Begriffe mit einem, für das gegebene Thema, zu niedrigen Auflösevermögen: Die Positionen stehen unversöhnlich gegeneinander. Ein typischer Kompaktbegriff ist "Faulheit".

  • Das Kind lernt nicht, weil es faul ist.
  • Der Mitarbeiter erfüllt sein Pensum nicht, weil er faul ist.
  • Der Mann putzt die Wohnung nicht, weil er faul ist.

Jemand ist faul, weil er etwas nicht tut. Jemand tut etwas nicht, weil er faul ist. Eine unwiderlegbare Wahrheit.

Als erstes gälte es, den "verlorenen Performativ" wieder zu finden: Wer sagt denn, dass der 'faule Mensch' das tun sollte, was er nicht tut? Also: Ich erwarte, daß du X tust, aber du tust es nicht, weil du faul bist. Könnte es sein, dass du X deshalb nicht tust weil:

  • Du gar nicht der Meinung bist, dass X getan werden sollte oder müsste.
  • Du zwar der Meinung bist, dass X getan werden muss, aber nicht der Meinung bist, dass du X tun solltest.
  • Du zwar auch denkst, dass X getan werden muss, aber X nicht tun kannst, weil du nicht weißt wie.
  • Du zwar auch denkst, dass X getan werden muss, aber nicht jetzt, es hat Zeit.
  • Du zwar auch denkst, dass X getan werden muss aber gerade viel wichtigere Dinge zu erledigen hast.

Statt sich zu streiten, ob ein Mensch faul ist, kann man einfach genauer hinschauen und den Vorwurf der Faulheit in kleinere Komponenten auflösen:

  • Was genau meinst du mit Faulheit?
  • Na er tut X nicht!
  • Warum sagst du dann nicht einfach, dass er X nicht tut?
  • Weil das einen Grund hat, Faulheit.
  • Wie verursacht die Faulheit, was immer das sein mag, es denn, dass er X nicht tut?

Ein berühmtes Beispiel für die Auflösung eines Kompaktbegriffs ist die Unterteilung von "Frau" in "Sex" (biologisches Geschlecht) und "Gender" (soziale Rolle).

Kennst du weitere Kompaktbegriffe?

5. Special: Unterscheiden - frage immer nach der anderen Seite

Eine Quelle ewiger Missverständnisse ist die Konstruktion von Identität (Einheit) - ohne die andere Seite der Unterscheidung zu berücksichtigen. Jede Identität basiert auf einem Unterschied, dem anderen der Identität:

  • Eine Frau ist - ohne Mann - keine Frau, denn der Begriff "Frau" ist auf seinen Gegenbegriff "Mann" angewiesen. "Mann" ist die andere Seite der Mann-Frau Unterscheidung. Wer über "Frau" redet, der redet, ob er es ausspricht oder nicht, immer auch über "Mann". Natürlich könnte man auch Frau / Teppich unterscheiden, was immerhin den Vorteil  (Nachteil?) hätte, dass Geschlechtsorgane irrelevant werden.
  • "Gott" kann man von "Teufel", "Mensch", "Welt" etc. unterscheiden: Gott-Teufel, Gott-Welt, Gott-Mensch. Als Gott-Mensch (Jesus) hat die letztere Unterscheidung sogar eine Einheit gefunden, die dann aber gegen Gott-Mensch / Nur-Mensch unterschieden werden muss.
  • "Ich habe keine Zeit" - welche Unterscheidung wird da benutzt? Zeit -Raum? Zeit-Uhr? Zeit-Stress? Zeit-Freizeit? Viel-Wenig?
  • "Dem Einen ist alles Eins". Der Eine-Alles - und da "alles" nicht weiter unterschieden ist, ist es natürlich: Eins. Der Eine könnte ohne das Alles nicht einmal wissen, dass er der Eine ist.

Leicht zu sehen: Je nachdem, was die andere Seite der Unterscheidung ist, erhält die Seite der Unterscheidung, über die geredet wird, eine andere Bedeutung.

Die große philosophische Frage ist: Einheit von Einheit-Unterschied oder Unterschied von Einheit-Unterschied? Antwort: Es geht beides, aber man kommt zu verschiedenen Ergebnissen. In jedem Fall gerät man in ein Paradox - aber das kann ganz spaßig sein.

Selbstachtung beruht darauf, hin und wieder vom bequemen Weg abzuweichen und
einmal mehr nicht mit den Schafen zu blöken.


Kommentare

Hi,

also den 5. Punkt habe ich nicht verstanden.

Für welchen Zweck sollte ich immer die andere Seite einbeziehen?

Damit ich die Seite die ich nicht auf Anhieb sehen kann, miteinbeziehe?

Das Gespräch aus einer anderen Perspektive zu sehen??

Könnte mir da jemand mal ein praktisches Beispiel nennen ??

Alles Liebe

Lenny

Wenn man die andere Seite einer Unterscheidung - und alles ist Unterscheidung - nicht kennt, kann man nicht verstehen worum es geht. Bei Gott / Teufel mag es um Moral, bei Gott / Mensch um beten, bei Gott / Papst um Unfehlbarkeit und bei Gott / Welt um Evolution gehen. Jemand sagt: "Ich suche meine Rettung bei Gott" - geht es dann um Moral (nicht beim Teufel) oder um Beten (nicht beim Menschen)?

 

Wow, wenn ich es richtig verstanden habe heisst das, daß ich bei einem Gespräch zuhöre und hinterfrage worum es meinen Gesprächspartner geht.

Das ich versuche zu verstehen was für ihn das "Gegenteil" ( kann man auch die Negation sagen...? ) bedeutet,

d.h. sein Konstrukt zu verstehen und damit  vielleicht auch  für sich neue Beobachtungsperspektive zu erkennen.

So habe ich das verstanden.

Eine gute Nacht

Lenny

 

 

Natürlich stimme ich dem grundsätzlich zu, dass die Identität (A=A) nicht nur aus sich selbst heraus zu begreifen ist, sondern auch als Nichtsein des Differenten (A = non (non A)). Denn man braucht Vergleichskriterien, um über etwas Aussagen zu treffen. Man setzt A in Beziehung zu (non A). A kann somit aus einer Beziehung heraus verstandden, zu der die Beziehung zu sich auch eine Sonderform ist.. Bloßes Unterscheiden hebt nur die Unterschiede hervor, nicht jedoch die Gemeinsamkeiten. Paradoxe Formeln wie E := {E / U} oder U := {U / E} können daraus entstehen.

Ein anderer Ansatz wäre, Gegensatzpaare nicht ABSOLUT zu betrachten, sondern RELATIV. Die Frage nach der Inversion ist schon richtig, doch bleibt man in dem totalen Denkmuster gefangen. Das Nichtidentische wird genauso total angesehen wie das Identische. Es wäre eher sinnvoll, Gegensätze als GANZES anzusehen, dass sich in verschiedenen Polen ausdrückt, die in verschiedenen Abstufungen sich dem einen bzw.. dem anderen nähern.  Absolute Begriffe kann man als Hilfsmittel konstruieren, um von den jeweiligen Polen sich ein Bild zu machen.

Ein gutes Beispiel hierfür wäre hier das Dilemma der staatlich verordneten Toleranz. Laut Ideologie hört die Toleranz bei der Intoleranz auf. Doch keine Toleranz den Feinden der Toleranz ist ebenso eine Intoleranz. Die Toleranz hebt sich faktisch selbst auf. Wenn man - laut Ansatz hier - sowohl auf das Tolerante als auch auf das Intolerante schauen würde, dann besteht die Gefahr darin, dass man der Widerspruchstendenz, dem diese Begriffe zu eigen sind, folgt. Nützlicher wäre es, diese Begriffe zunächst als losgelöst zu denken und sie mit anderen Worten zu umschreiben: Toleranz bedeutet die (grenzenlose) Duldung von ALLEM; Intoleranz bedeutet die grenzenlose Nichtduldung von ALLEM. Da dies aber unrealistisch ist, sind solche Gegensätze auch nur in einer imaginären Form zu denken. Man definiert für sich seinen Rahmen der Duldung bzw. Nichtduldung und  beschreibt, IN WIEWEIT er dem einen Pol bzw. dem nächsten Pol zugeneigt ist ("differancieren") (Achtung: Kunstwort). Bloßes Unterscheiden bedeutet wie gesagt  das Hervorheben der Unterschiede, nicht jedoch das der Gemeinsamkeiten. Es ist selbst ein totaler Begriff. Das Kunstwort diff'erance von Derrida besitzt dort schon mehr Aussagekraft. Man verweist auf das andere (Zeichen). Man folgt einer Spur, die von  imaginären  Losgelösten zum anderen imaginären Losgelösten über den Weg der Realität führt. Das Ganze wäre der Weg vom einen Extrem zum Nächsten ((+) + (-) = 0

Kommen wir auf die Formeln zurück. Was ist Einheit?

E(a+b) = E(a) +E(b). Die diff'erance hierbei ist die Zergliederung einer Einheit in eine Vielfalt, die quantitativ nichts verändert. Der Unterschied ändert nichts an der Quantität (sein Wert ist 0) - deswegen ist die Formel Einheit = Einheit / Unterscheidung auch korrekt.. Ein Unterschied ist somit ein Abstand, der bei der Vielfalt größer ist als beider Einheit... Beweisen kann man dies mit der Dreiecksungleichung:

!a+b! < = !a! +!b!

Vielen Dank für die Vorlage. Das Problem der Unterscheidung mit allen Feinheiten bekommt einen eigenen Artikel, der schon weitgehend fertig ist und den ich mit deinen Ausführungen ergänzen werde. Im Kontext des verstehenden Gesprächs will ich das Thema aber möglichst einfach, eher als Anregung, halten.

Im Prinzip korrekt, aber ....

Es geht weder um das Gegenteil, noch um die Negation, sondern einfach: die andere Seite der Unterscheidung.

  • Die Negation von Mensch ist Nicht-Mensch
  • Das Gegenteil von Mensch kann Tier, Pflanze, Sklave sein
  • Die andere Seite der Unterscheidung ist allgemeiner. Das kann alles sein, was nicht Mensch ist: Tisch, Kind, Löwe (Menschen sind schwächer als Löwen), Politiker, Sterne - je nachdem, wie eben kommunikativ unterschieden wird.

Man kann hier nicht logisch vorgehen, sondern muss fragen, was der andere mitteilen will.

Hi,

werde mal die Theorie in die Praxis umsetzen und sehen was meine Erfahrungen sind. Da werden sich meine Kollegen und Freunde sicher darüber freuen :-)

Der nachfolgende Satz ist richtig. Der vorhergehende Satz ist falsch. HiHIHI

Bis bald Lenny

Der nachfolgende Satz ist richtig. Der vorhergehende Satz ist falsch.

Also das kann ich schon mal sagen:

Von einigen Kollegen wurde ich irritiert angeschaut und gefragt was ich denn von denen willl...

Meist bekam ich als Antwort, darüber muß ich mal nachdenken...

Schönen sonnigen Sonntag!!

Lenny

 

Hi,

so nun ein Teil von meinen empirischen Forschungen.

Verstehende Gespräche sind nicht immer mit allen Personen möglich!!

Punkt 1. zu-hören lernen.

Echt schwierig nur zuzuhören und nicht sich schon Gedanken zu machen was man antworten möchte. Wenn jemand länger redet fange ich an zu vergessen was er am Anfang gesagt hat.

Was mir dabei hilft meine Konzentration zu steigern was ich festgestellt habe ist regelmässig zu meditieren. Das hilft mir langsam aber sicher den Kopf zu leeren und zuzuhören.

 Punkt 2. Parapharsieren

Wenn es machbar ist, was zu schreiben mitnehmen oder wenn ich die Person kenne ausmachen Pausen zu machen um dann zu parapharsieren.

Manche Menschen kommen mit parapharsieren nicht klar und fühlen sich auf den Arm genommen oder ich beherrsche diese Kunst noch nicht....

Im Arbeitsleben ist es einfacher zu parapharsieren und dadurch konnten einige Missverständnisse vorher geklärt werden.

Eine Vermutung von mir  ist , daß auf Arbeit fast immer auf der sachlichen Ebene geredet wird.

So das war der erste Teil

wünsche noch einen wundervollen Abend :-)

Lenny

 

 

Der nachfolgende Satz ist richtig. Der vorhergehende Satz ist falsch.

Hi Lenny,

die Kommunikationstheoretiker sagen, daß verstehende Gespräche immer und mit allen Menschen möglich seien. Aber ich fürchte sie haben dabei vergessen, daß es manchmal den Aufwand nicht wert ist. Ich habe in meinem Artikel ja auch auf die Ausnahmen hingewiesen: Es gibt einfach Leute mit denen kann man nicht reden :-(

Ja, es ist schon sehr interessant wenn man merkt, daß man schon nach den ersten Worten des Gesprächspartner anfängt über die Antwort nachzudenken - und nicht mehr richtig zuhört.

Wenn die Beiträge des Partners zu lang werden kann man ihn durchaus freundlich darauf hinweisen, daß man selbst kein Gedächtniskünstler ist und sich so lange Vorträge nicht merken kann. Die meisten Menschen akzeptieren das.

Ja, manche Menschen die Paraphrasieren nicht kennen fühlen sich erst veräppelt, aber wenn man es ihnen erklärt - ich will mich nur vergewissen, daß ich richtig verstanden habe (ich bin nun mal nur ein einfacher Junge vom Lande) - finden sie es bald sehr angenehm. Gerade in sachorientierten Gesprächen (Arbeit, wie du sagst), wird es oft übernommen.

BTW ist Paraphrasieren ein sehr nützliches Verfahren zum cool-down bei Streitereien - zumindest, wenn man das Mißtrauen des Mitstreiters besänftigen kann.

Liebe Grüße

Mike