Was ist ein Spiel?

"Der Mensch spielt, wo er das Dasein feiert."

Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen,
der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist,
und er ist nur da ganz Mensch,
wo er spielt."
(Schiller)

Ich werde Ihnen hier nicht erzählen, was ein Spiel in Wahrheit und Wirklichkeit und seinem Wesen nach und essentiell ist. Mir geht es darum, eine spielerische Einstellung zu beleuchten. Eine Einstellung, die das Leben als Spiel nimmt.  Das ist eine Fusion von "Leichtigkeit des Seins" und "Ernst des Lebens". Gregory Bateson schrieb in "Geist und Natur" (S. 265): "Strenge allein ist lähmender Tod, Phantasie allein ist Geisteskrankheit". Auf die richtige Mischung kommt es an - und die nenne ich: Spiel.

Der Philosoph und Hermeneutiker Hans Georg Gadamer hat einige Kennzeichen des Spiels zusammengestellt, die als Fusion von Strenge und Phantasie gelesen werden können. Damit werde ich anfangen. Danach folgen einige bedenkenswerte Ergänzungen.

Merkmale des Spiels nach H. G. Gadamer:

  • Ein Spiel ist eine Tätigkeit, die keinen Zweck außerhalb ihrer Selbst hat, nicht Mittel zu einem Zweck ist, sondern Selbstzweck. Spiel will nichts anderes als Ziele und Zwecke im Spiel erreichen. Das Ziel des Spiels ist das Spielen.
  • Immer wird ein durch Spielregeln bestimmtes und nur auf diese bestimmte und nicht andere Weise zu erreichendes Spielziel verfolgt. Das Spielziel zu erreichen ist mit Anstrengung verbunden, eine Herausforderung muß es sein, damit es Spaß machen kann.
  • Das Spiel lebt vom Hin und Her der Bewegungen.  Auf einen Zug folgt ein antwortender Zug, ein Gegenzug. Das drückt sich in Übertragungen des Spielbegriffs auf Naturvorgänge, z. B. das Spiel der Wellen, aus.
  • Wer spielt, der ist in das Spiel versunken, er ist hineingezogen, er ist so gefesselt, daß er nur mitspielen kann, er handelt mit Heiligem Ernst - ansonsten ist er ein Spielverderber. Dieses Mitgehen ist dem Spiel nicht äußerlich, sondern wesentlich.
  • Der Gegenbegriff zu Spiel ist nicht Ernst, sondern Nichtdabeisein. Nichtdrinsein.
  • Spielen ist emotionale Intensität. Dabeisein ist nicht nur kognitive Konzentration, diese ist distanzierend. Dabeisein ist emotional, drin sein, nicht distanziert sein, Intensität des Empfindens.
  • Wie werden die Spieler ins Spiel gezogen? Durch die Herausforderungen, Aufgaben und Regeln, die es an sie stellt. Die Spieler, die sich ins Spielgeschehen ziehen lassen, sind mit Heiligem Ernst dabei.
  • Die Zeitlichkeit des Spiels ist die des "Dabeiseins für eine Weile". Spielen hat seine Eigenzeit, erfüllte Zeit statt leerer, die nur zu füllen wäre - anders wäre autotelisches Tun unmöglich.
  • Das Spiel existiert nur im gespielt werden, seine Seinsweise ist die des Mitspielens. Man kann ein Spiel nicht objektiv erfahren, ihm nicht gegenüberstehen, man kann es nur im Dabeisein erfahren - in der Teilnahme am Prozeß, nicht im Beobachten des Prozesses oder im Studium der Spielregeln.
  • Nicht die Spielenden spielen das Spiel, sondern das Spiel spielt sich selbst. Das Spiel bestimmt was die Spielenden tun. Die Spieler sind für jedes Spiel kontingent (austauschbar). Das Spiel behält seine Identität auch wenn die Spieler wechseln.
  • Spielen ist Da-sein, wach bei-sich-sein und in-der-Welt-sein - nicht weg-sein, nicht Verfallenheit an etwas anderes als Da-sein.

Eugen Fink, ein Phänomenologe der Heidegger-Schule, hat sich in "Grundphänomene des menschlichen Daseins" mit dem Spiel beschäftigt. Als "Grundphänomene" bezeichnet Fink Arbeit, Kampf, Liebe, Tod und Spiel. Er schreibt:

"Das Verhältnis des Spiels zu den anderen Grundphänomenen [des Lebens] ist nicht nur das einer Nachbarschaft und wechselseitigen Bezogenheit wie bei Arbeit und Kampf oder bei Liebe und Tod. Das Spiel umfaßt und umgreift alle anderen, vergegenwärtigt sie im seltsamen Element des Imaginären und leistet damit für das menschliche Dasein eine reine Selbstdarstellung und Selbstanschauung im seltsamen Spiegel des reinen Scheins". Das Spiel ist also weder Gegensatz der Arbeit oder eines Ernstes, sondern "umfasst und umgreift" nicht nur alle anderen Grundphänomene, sondern das Leben selbst spiegelt sich im Spiel, dem reinen Schein als "Selbstdarstellung und Selbstanschauung".

Nicht das Reale, sondern das Imaginäre ist der Spiegel des Lebens. Natürlich, wären Selbstanschauung und Selbstdarstellung durch das Reale bestimmt, wären sie mechanisch (Naturgesetzen unterworfen) und durch den Menschen nicht gestaltbar, nicht einmal beeinflußbar. Nur in der Phantasie und dem Ideal ist eine Selbstdarstellung des Menschen nach seinem Bilde und seinem Entwurf möglich - und die praktisch gewordene Phantasie ist das Spiel.

"Um das Spiel in seiner Radikalität zu denken, muss zuallererst die ontologische und transzendentale Problematik gewissenhaft aufgearbeitet werden, muss geduldig und entschieden durch die Frage nach dem Sinn von Sein, dem Sein des Seienden und dem transzendentalen Ursprung der Welt - der Weltlichkeit der Welt - hindurchgegangen, angestrengt und bis zuletzt der kritischen Bewegung Husserlscher und Heideggerscher Fragen, deren Wirksamkeit und Lesbarkeit es zu erhalten gilt, gefolgt werden. Gelingen kann dies aber nur, indem die Begriffe des Spiels und der Schrift, auf die wir hier rekurrieren, durchstrichen werden, da sie sonst in regionalen Grenzen und in einem empiristischen, positivistischen oder metaphysischen Diskurs gefangen bleiben. (...) Zuerst also muss das Spiel der Welt gedacht werden, und dann erst kann man versuchen, alle Spielformen in der Welt zu begreifen." (Jacques Derrida, Grammatologie, S. 87-88, Hervorhebungen von MDE)

 

Games are models of reality, perhaps the most elaborated abstract models of common reality, they liberate - if you follow Jean Baudrillard - us into a world of settings and rules, which are stricter than the rules of the world, in fact they liberate us from ‘the morality of reality’.

 

Games are both object and process; they can’t be read as texts (Religion) or listened to as music (Kunst), they must be played - und gehen deshalb über Religion und Kunst hinaus! Sie haben mehr Ähnlichkeit mit Wissenschaft (Experiment) und Wirtschaft (Verkaufen). Man kann vielleicht sagen, daß Religion und Kunst von Spiel absorbiert werden.

 

Jedes Spiel zeichnet sich durch folgende Elemente aus:

  • die Spielwelt (ein materielles/semiotisches System, z.B. Schachbrett und Figuren),
  • Regeln (das explizite Regelwerk, aber auch implizite Regeln der Spielmechanik),
  • Designer (der Schöpfer des Spiels, der die Spielwelt und die Regeln bestimmt, das Liber Legis ist eine Logik 3. Ordnung),
  • Gameplay (die Ereignisse, welche sich aus der Anwendung der Regeln auf die Spielwelt und durch die Aktionen der Spieler ergeben).

Hier noch eine respektvolle Verbeugung vor dem Meister der soziologischen Systemtheorie: Niklas Luhmann!

(Super-) Funktionssystem Spiel:

  • Medium: Freude (Spaß?) (Nicht zu verwechseln mit Unterhaltung durch Massenmedien)
  • Code: Erfolg / Mißerfolg
  • Nebencodierung: Lust / Unlust (Wert / Unwert?)
  • Programm: Spiele, Erfolg / Mißerfolg wird ausgespielt, Spiel ist praktisch gewordene Fantasie
  • Kontingenzformel: positiver Sinn
  • Funktion: Neue Möglichkeiten für Freude schaffen
  • Leistung: Möglichkeiten zur Freude bereitstellen, u. a. eine Aufgabe der Thelema-Society
  • Reflexionssystem: Ludologie (Wie kann Freude erzeugt werden?); für Thelema, also die Spiele des Lebens (Mission, Heldenreise), ist das Liber L vel Legis die Reflexionslogik. Es enthält die Regeln  zum Erschaffen von Spielen des Lebens.
  • Symbiotischer Mechanismus: Lustgefühle

"Spielen ist das ganze Geheimnis." (Angela)


Kommentare

 

Die Spielregeln des Lebens / des Selber-lebens beherrschen - stimmt, das erscheint mir nicht nur überzeugend, sonder auch sympathisch.

 

Warum? Ganz einfach - es macht keinen Zopf mehr, Unsterblichkeit in den "heiligen Sphären des bloßen Wünschens und Glaubens" vor Fragen und Zweifeln zu schützen.

 

Die "Spielregeln des Lebens beherrschen" macht Unsterblichkeit  zu etwas Irdischem, das man lernen kann. Und wie bei jedem Spiel: Es reicht nicht, die Spielregeln zu studieren, man muß sich auch einlassen das Spiel des Lebens. Sonst lebt man schon während des ganz "normalen Lebens"  nicht.

 

Für mich ist daher besonders diese Stelle (von Gadamer) erhellend:

 

>Der Gegenbegriff zu Spiel ist nicht Ernst, sondern Nichtdabeisein. Nichtdrinsein.

 

Und:

Danke für den reichen Kommentar für "meinen" Satz:

 

Spielen ist das ganze Geheimnis.

 

Was sonst, wie sonst sollten wir das Spiel des Lebens spielen wollen, wenn nicht aus reiner Freude an dem was wir tun.

Vielen Dank, daß Du mir diesen herrlichen Satz beschert hast: "Spielen ist das ganze Geheimnis!"

Ich hätte da ein Meta-Spiel in Petto:

 

Ich hab diesen Text  in der größten deutschen Blog-Suchmaschine "gescoutet"  - so benamst diese Suchmaschine ihr Bewertungssystem.

 

Blogscout, Beiträge mde.net.de

 

Macht Spaß, dort ab und seinen Senf zu hinterlassen.

 

Und wer damit noch nicht genug hat, kann sich auch auf der mde.net -Profil-Seite bei Technorati "verewigen":

 

Technorati, blogs/www.mde-net.de

 

Angela

 

 Spielen ist das ganze Geheimnis.

Hi,

ich wollte nur mal eine Erfahrung mitteilen.

Ich dachte mir nach diesem Artikel, okay spiel ich mal mit den 3 Kids zusammen ein Spiel und schauen mal was passiert.

Kann ja jeder was von Merkmale erzählen...

Ich erfuhr das die Merkmale von Gadamer eintrafen.

Was auch sehr gut zu beobachten war , war das Merkmal dabei-sein und nicht-dabei-sein !!

In dem Augenblick wo ein Kind nämlich nicht voll dabei war, kam Unruhe auf.

Dann wurde das Kind direkt gefragt, du bist nicht mehr bei dem Spiel,

willst du nicht mehr mitspielen.

Das Kind schied aus und es wurde ohne Komplkationen weitergespielt.

In Sekunden waren die Kids in das Spiel wieder versunken, in der Spielwelt, nicht anderes zählte und ich bekam zuhören: 

Mama wenn Du Dich nicht richtig konzentrieren kannst, brauchst du auch nicht mitspielen...

Eine gute Nacht

 

Lenny

 

 

 

Hi Lenny,

vielen Dank für die fachliche Bestätigung. Ich habe leider nicht so viele Gelegenheiten mit Kindern zu spielen.

Liebe Grüße

Mike