Die Revolution des Fragens

Von der Be-antwortung zur Ver-antwortung

"Wir wählen den wissenden Kampf der Fragenden
und bekennen mit Carl von Clausewitz:
'Ich sage mich los von der leichtsinnigen Hoffnung
einer Errettung durch die Hand des Zufalls.'"

(Alle Zitate von Martin Heidegger)

Die Frage befragt

Das Sprechen des Fragwürdigen ist das Fragen. "Fragwürdig" ist eine Auszeichnung! Das Frag-würdige ist, würdig befragt zu werden, es besitzt Würde im Gegensatz zum Zweifelhaften oder Bezweifelbaren, dem unter Verdacht des Falschseins stehenden. Fragwürdigkeit tritt ein, wenn mit dem Verzicht auf letzte Sicherheit, wie sie z.B. Gott noch garantieren konnte, ernst gemacht wird. 'Gott ist tot', alles ist fragwürdig.

"Wir dürfen nicht klagen,
wir müssen fragen."

Das Fragwürdige will befragt werden. Das Fragen ist kein Suchen nach sicheren Antworten, kein Suchen nach Sicherheit überhaupt, schon gar nicht nach der vermeintlichen Sicherheit einer unerschütterlichen Weltanschauung - wesentliche Fragen führen nicht zu billigen Gedankensystemen, in denen das Fragwürdige verabschiedet wird.

Fragen bedeutet: Sich hinauswagen in die scharfe Luft des Fragwürdigen, den Sprung vom sicheren Land in das auf dem Meer treibende Boot vollziehen.

  • Echtes Fragen ist nicht das Spiel der Neugier oder das Beharren in Zweifeln.
  • Fragen ist nicht bodenlos, es verliert sich nicht in freischwebender Beliebigkeit.
  • Fragen ist nicht Zweifeln um des Zweifelns willen, kein Selbstzweck.
  • Fragen steht nicht im Dienste der Müden, die nur bequeme Antworten suchen.
  • Fragen ist nicht das, was im Unterricht der Lehrer macht, worauf der Schüler eine Antwort gibt.
  • Echtes Fragen zielt nie auf die Gefängnisgitter endgültiger Antworten - sondern auf erweiterte Frageräume.

"Mit der freigewählten Stufe der jeweiligen Freiheit des Wissens, d.h. mit der Unerbittlichkeit des Fragens setzt sich ein Volk immer selbst in den Rang seines Daseins. Die Griechen sahen im Fragenkönnen den ganzen Adel ihres Daseins; ihr Fragenkönnen war ihnen der ganze Maßstab zur Abgrenzung gegen die, die es nicht können und nicht wollten. Diese nannten sie Barbaren." Wer nicht fragt, lebt in der Barbarei, wer nicht mehr fragt, fällt in die Barbarei zurück.

Die moderne Zivilisation spricht von der 'Methode der Wissenschaft'. Was ist diese Methode?

"Wissenschaft ist ... die das ganze Dasein scharfhaltende und es umgreifende Macht. Wissenschaft ist das fragende Standhalten inmitten des sich ständig verbergenden Seienden im Ganzen." 'Standhalten' und 'scharfhalten', beide Male wird ein Halten gefordert, ein Halten als eine bestimmte Haltung gegenüber dem und im Fragwürdigen. Das Fragen muß 'scharfgehalten' werden, d.h. es muß wachsam und bereit sein, denn ein 'Standhalten' ist ebenso nötig - weil ein Angriff stattfindet, der Angriff des Unfraglichen, des Selbstverständlichen.

"Das Entscheidende ... besteht im Fragen, im Standhalten in der Frage. Darauf erwidert 'man': Das Fragen? Nicht doch! Das Entscheidende ist doch die Antwort. Das versteht jeder Spießbürger, und weil er es versteht, deshalb ist es richtig ..."

Der 'scharfe' Wille zur radikalen Fragwürdigkeit, zum allgegenwärtigen subversiven Fragen, ist dem Kleinbürger unbehaglich. Es stört ihn in seinem angenehmen Schlafe. Der dogmatische Schlummer, der von metaphysischen Sicherheitsträumen bewacht wird, ist der Feind des Fragens. Das Unbehagen des Kleinbürgers zeigt sich in der Denunziation des Fragens, welches als Angriff auf die bequeme Geordnetheit der Welt verdächtig wird. Für den Kleinbürger ist das Fragen der Agent der Anarchie.

"Das Fragen über das Fragen ist für den gesunden Menschenverstand offenkundig etwas Ungesundes, Verstiegenes und vielleicht sogar Widersinniges und demnach dort, wo wir doch, wie in der Leitfrage, zum Seienden selbst wollen, eine Verirrung. Als Haltung vollends ist ein solches Fragen lebensfremd und selbstquälerisch, 'egozentrisch' und 'nihilistisch' und wie noch die billigen Titel alle heißen mögen." Der  'gesunde Menschenverstand' ist der 'Taumel im Gewöhnlichen'.

"Nur eine lange und schmerzhafte Ablösung bringt uns ins Freie und bereitet vor, die neue Gestalt der Rede mit zu schaffen. Wir sagen uns los von jedem Schein billiger Überlegenheit, die in der Logik nur Formelkram sieht. Wir lernen ernst nehmen die Macht eines Denkens seit langem und dessen schöpferische Überwindung, ohne die ein Wandel unseres Daseins haltlos sein wird. An diesem Wollen begreifen wir, daß eine Umgestaltung der Wissenschaften, wenn sie überhaupt noch möglich ist, nur so vollzogen wird: aus einer Umkehrung der Wissenshaltung vor aller Wissenschaft. Diese Umkehrung wird nur geschaffen durch einen langen und unentwegten Vollzug eines umwälzenden Fragens, eines Fragens, das uns in die letzte Entscheidung hineinstellt. Von den Mächten Weisheit und Irrtum, Sein und Schein ist der Mensch in gleicher Weise beherrscht, und es gilt nicht, die eine Macht gegen die andere auszuspielen, denn gerade aus dem Zwiespalt beider empfängt der Mensch seine Bestimmung. Die Logik ist daher für uns nicht eine Abrichtung zu einem besseren und schlechteren Denkverfahren, sondern das fragende Abschreiten der Abgründe des Seins, nicht die vertrocknete Sammlung ewiger Denkgesetze, sondern die Stätte der Fragwürdigkeit des Menschen, seiner Größe. Logik ist aber dann erst recht kein zuchtloses Weltanschauungsgerede, sondern nüchterne, im echten Antrieb und in wesentlicher Not gebundene Arbeit."

Was ist eine Frage?

Eine Frage ist die Einheit einer dreifachen Selektion:

  • Das Gefragte ist der Antwortraum der Frage, alles, was als Antwort möglich ist.
  • Das Erfragte ist die Antwort.
  • Das Befragte ist das, was befragt wird, um zu einer Antwort zu kommen.

Am Beispiel: Hans fragt Berta, die er eben kennengelernt hat, "Wie heißt du?".

  • Das Befragte ist Berta.
  • Das Gefragte ist ein Name, d.h. der Antwortraum besteht aus allen möglichen Frauennamen.
  • Das Erfragte ist der wirkliche Name, Berta.

Frage und Antwort gehören zusammen, aber die echte Frage ist von der Herrschaft der Antwort emanzipiert. Antworten sind unproblematisch, sofern sie neue Fragen sind, neue Fragwürdigkeiten und neue Möglichkeiten eröffnen.

Wie kommt man zu einer wesentlichen Frage?

LLvL III, 9. "Lauern! Zurückziehen! Auf sie! das ist das Gesetz der Eroberungsschlacht: so soll die Verehrung für mein geheimes Haus beschaffen sein."

In Bezug auf das Fragen findet die produktive Verwandlung des Krieges statt. Jedes Fragen beginnt mit dem Erspähen eines Fragwürdigen ("Lauern"). Es folgt das bedenkende Erkunden des noch vagen Frageraums ("Zurück"), das Sammeln der Kräfte im Zuspitzen der Frage, was in die Vor-frage mündet, die dem Fragen die Richtung weist und den konkreten Frageraum eröffnet ("Auf sie!").

Die Vor-frage kennt nur eine Richtung: Nach vorn, Angriff!. Das Ziel des Angriffs ist die Öffnung des Frageraumes und die Präzisierung der Frage durch die Vorfrage. Die Vorfrage sondiert, sie ist ein Vorauskommando zur Erkundung bisher unerschlossenen Terrains nach bestimmten Gesichtspunkten. Das Terrain wird nicht vollständig erfaßt, sondern lediglich das Wesentliche, das für die Vorfrage relevante: Die wesentlichen Merkmale des neu entdeckten Gebietes werden deutlich.

Die Vorfrage ist ein Stoßtruppunternehmen. Sie schlägt eine Bresche, durchbricht die feindlichen Sicherungslinien, um in einen unbesetzten, bisher unbekannten Bereich vorzudringen, der dann - vielleicht erneut - kartographiert werden kann. Neues wird erschlossen und Altbekanntes neu gesehen - um so endlich die Hauptfrage stellen zu können.

Die Vorfrage ist die dynamische Vorhut der schwerfälligeren Hauptarmee, des präzisen  Frageapparates, der die Hauptfrage stellt. Sie erkundet das Gelände für den folgenden Kampf. Die Vorfrage bestimmt dadurch die Art und Weise des folgenden Angriffs.

Wenn auf eine Entscheidung abgezielt wird, so der Militärtheoretiker Carl Clausewitz, sollte man sich nicht mit der zeitraubenden Eroberung von Festungen aufhalten, da doch die Vernichtung der gegnerischen Streitmacht das Ziel des Krieges ist. Die Festungen in unserem Kampf sind die Kernbegriffe starrer Sprachgewohnheiten und weltanschaulicher Begriffssysteme.

Genau genommen habe wir es mit einem Festungssystem zu tun.

  • Im Innersten liegt der Führerbunker Sinnlich-Übersinnlich, die Leitdifferenz des Alten Äons.
  • Um diesen herum wesen die schwerbefestigten Vorfestungen: Wahrheit, Relativismus (nur eine Spielart der Wahrheit), Nihilismus und Subjektivismus, die durch mannigfache Wehrgänge miteinander verschachtelt sind und ineinander übergehen.
  • Religionen, Wissenschaften und Weltanschauungen sind die trutzigen Fels-Festungen im Vorfeld der Hauptfestung, welche diese verteidigen und von ihr versorgt werden.

Ein Frontalangriff gegen dieses Festungssystem wäre aufwendig und zeitraubend. Wichtiger: An diesen Festungen kann sich der Elan des Angriffs schnell tot laufen, indem man nämlich in einen Stellungskrieg im Grabengewirr von Beweisen und Widerlegungen sich festläuft.

Umgehen wir also die Festungen und besetzen das sie versorgende Hinterland - wodurch die Festungen ausgehungert werden. Der Gegner kann dann zwar Streitkräfte aussenden, aber diese haben nicht mehr den Vorteil der Festung und können leichter besiegt werden.

Bei diesem Kampf geht es nicht um die Vernichtung des Gegners, sondern um die Destruktion (Abbau) seiner Verteidigungsanlagen. Die Besatzungstruppen müssen weichen, die Festungen werden geschleift und der eroberte Raum wird dem fragenden Denken wieder zugänglich.

Soweit das Gesetz der Eroberungsschlacht!

Die Verteidigungsanlagen des Gegners sind einerseits seine Grundbegriffe, anderseits und grundlegender die Grundunterscheidungen, z.B. Sinnlich-Übersinnlich, Subjekt-Objekt. Die Verteidigungsanlagen können jedoch erst erobert werden, wenn das Hinterland, das vortheoretische Selbstverständnis der Menschen, gesichert ist. 

Das Hinterland ist das alltägliche Selbstverständnis, aus dem sich die altäonischen Begriffssysteme (Festungen) speisen. Die Festungen wiederum stabiliseren und schützen das Hinterland, indem sie dem Alltagsverständnis, durch Definition, Präzisierung und Beweis, die Weihe der Wahrheit und so der Sicherheit angedeihen lassen. So wird wechselseitig Glaubwürdigkeit erzeugt: Festungen schützen das Hinterland und das Hinterland versorgt die Festungen.

Das Hinterland ist also das alltägliche und selbstverständliche Selbstverständnis der Menschen - der vortheoretische Grund ihres Selbstseins. Dieser Grund muß kartographiert, vermessen und besetzt werden - was von Martin Heidegger in seinem Hauptwerk "Sein und Zeit" begonnen wurde.

Die zentrale Frage, um die es uns als Menschen immer geht, ist die Frage: "Wer bin ich?" - LLL: "mein geheimes Haus". Das ist keine theoretische Frage, sondern eine Frage die, um sie als Frage zu verstehen, handelnd erschlossen werden muß. Das Erkunden dieser Frage verändert unser bisheriges Sein, welches sich im Wirbel dieser Frage wandelt. Von dieser Frage ausgehend kann das Hinterland kartographiert und dadurch der entscheidende Angriffsimpuls für die Hauptarmee (Frageapparat), die das Hinterland in den Wirbel der Fraglichkeit reißt, gewonnen werden.

Mit dieser Frage wird der Angriff an der entscheidenden Stelle der Front geführt. An einer Stelle, die der Gegner als gesichert, ja als seine Hauptangriffsbasis glaubt. Der Gegner ist einerseits das neuzeitliche Subjektverständnis mit der Auffassung vom Selbst als Konstituens der Wirklichkeit (Paradigmatisch: radikaler Konstruktivismus, Wissenschaft); andererseits die Basis dieses Subjektverständnisses in der Unterscheidung Sinnlich-Übersinnlich (Paradigmatisch: Platonismus, Christentum), der Grundlage von Religion und Moral.  

An diesen Punkten setzt Heidegger in napoleonischer Manier an und destruiert das altäonische Selbst- und Weltverständnis durch einen Fragenhagel, in dem die reaktionären Truppen des Alten Äons wie in den Seen von Austerlitz versinken. (Austerlitz, südmährische Kleinstadt, bekannt durch die Dreikaiserschlacht am 02.12.1805, in der  Napoleon einen klaren Sieg gegen die Russen und die Österreicher errang.)

Gemäß der Bedeutung der Vorfrage, der Frage nach uns selbst, als eines Stoßtruppunternehmens ist diese  Frage die Stellung, die unbedingt gehalten werden muß: Sie muß für uns selbst Haltung, die Habitualisierung neuäonischen Wollens, werden.

"Das Ausweichen vor der Frage liegt um so näher, weil sie die Eigentümlichkeit hat, keinen, der in ihren Umkreis tritt, ungetroffen vorbeigehen zu lassen. Jeder muß sich angesichts dieser Frage entscheiden, ob er die Frage übernimmt oder ob er in der Fraglosigkeit verharrt oder ob er - gleichgültig - versucht, die Frage von sich wegzuschieben."

"Das Geschehen ist kein Ablauf, der sich von selbst macht. Dies ist freilich der Schein, der zum Geschehen gehört und uns den Vollzug verfehlen läßt. Von hier aus begreifen wir, weshalb wir bei unserem Fragen die Notwendigkeit der entsprechenden Haltung hervorkehren mußten. Denn bereits das Fragen selbst ist entscheidungshaft. Ob wir durchfragen, aushalten, Widerstand überwinden - alles das gehört zum wirklichen Fragen -: es hängt von unserer Entscheidung ab. Wir bewegen uns nicht mehr in einer verkehrten Erwartung, denn wir lauern nicht mehr auf irgendein Ergebnis, das behalten und weitergesagt werden könnte. Denn auch die Antwort auf die Frage ist entscheidungshaft. Sie besteht nicht in der Aussage, Geschichte sei so und so usw. In allem handelt es sich um ein Begreifen, in dem wir selbst einbegriffen sind; in allem handelt es sich um eine Art von Antworten, bei dem wir ein Antworten übernehmen und erst eigentlich zur Geschichte machen; es handelt sich um ein Verantworten."

Können wir unsere Antworten verantworten?

Die Antwort auf echte Fragen ist kein Be-antworten, sondern ein Ver-antworten. Es gilt das Geschehen der Entscheidung für uns selbst scharf, endgültig und standhaft zu übernehmen.

Der Fragende ist nun immerwährend und immer neu verantwortlich. Seine Ver-antwortung ist nie in einer Be-antwortung erledigt. Die Antwort als Ver-antwortung ist eine Haltung, die den verantwortlichen und verantwortenden Fragenden wesentlich verändert.

Ver-antwortung meint hier nicht die billige Erledigung eines Geschehens durch die pathetische Verkündigung der Übernahme von Verantwortung - wie im religiösen und moralischen Bereich. Solche Verantwortung ist nur die Anerkenntnis eines  Sachverhalts, über den gerichtet werden kann und für den dann gebüßt werden muß - womit alles erledigt ist. Ver-antworten heißt, ein Geschehen zu übernehmen, und dieses Geschehen in seiner Virulenz zu erhalten. Die Antwort bestimmt höchstens vor-läufig (im Vor-lauf) das Unbekannte, dem wir uns im Fragen stellen - wesentlich ist: Die verantwortete Antwort eröffnet weiteres Unbekanntes, neue Möglichkeiten: Befreiung!

Nur in der unechten Frage, der Fehlfrage, hat die Frage eine vollständige, den Fragenden in einen Bereich einsperrende Antwort.

Die echte Antwort ist nicht Letztbegründung, aber Letztverantwortung.

Es wird deutlich geworden sein, daß eine echte Antwort nichts mit dem gewöhnlich unter "richtige Antwort" verstandenen zu tun hat. In einer echten Frage werden Wahrheit  und Irrtum nicht gegeneinander ausgespielt - im Gegenteil: Der Irrtum ist wahrer als jede feststehende Wahrheit, weil er das Wesen des Menschen konstitutionell bestimmt. Irrtum ist die Bedingung der Möglichkeit der Freiheit. Deshalb muß gerade die Irre, in einer Antwort, die verantwortet werden kann, bewahrt werden - als Fragwürdigkeit der Antwort. Die Fragwürdigkeit von Frage und Antwort bedeutet deshalb ein ständiges Unterwegssein. Die echte Antwort stellt das Erreichte ewiglich wieder in Frage.

"Die Antwort ist nur der allerletzte Schritt des Fragens selbst, und eine Antwort, die das Fragen verabschiedet, vernichtet sich selbst als Antwort und vermag so kein Wissen zu begründen, sie zeitigt und verfestigt nur das bloße Meinen."

Der Weg des Fragens ...

 "Erfahrung ist der Gang auf einem Weg. Er führt durch eine Landschaft. ..." "... die Gegend als das Gegnende der freigebenden Lichtung, in der das gelichtete zugleich mit dem Sichverbergenden in das Freie gelangt. Das Freigebend-Bergende der Gegend ist jene Be-wegung, in der sich die Wege ergeben, die der Gegend gehören."

"Das Denken folgt den Furchen, die es in die Sprache legt. Die Sprache aber ist wie ein Acker, auf dem das Verschiedenste aufgehen kann."

"Wir müssen erst wieder ausfahren und die Ernte neu einholen, d.h. aber das Feld des Stehens der Ernte kennen, den Acker und sein Wachstum. Das können wir nur und sind bereit dafür, wenn die Pflugschar scharf und nicht alles in bloßen Meinungen, in Gerede und Geschreibe, verrostet und schal geworden ist. Ackern und Pflügen müssen wir erst wieder lernen, das ist unser Schicksal, lernen, den Boden umzugraben, damit das Schwarze und Dunkle des Grundes an die Sonne kommt, - wir, die schon allzu lange und allzu leicht nur noch auf aus- und festgetretenen Wegen hin- und herfahren. Die antike Philosophie stand auf der Höhe und mit Platon und Aristoteles vor einer reichen Ernte."

"Anders als im wissenschaftlichen Vorstellen verhält es sich im Denken. Hier gibt es weder Methode noch das Thema, sondern die Gegend, die so heißt weil sie gegnet, freigibt, was es für das Denken zu Denken gibt. Das Denken hält sich in der Gegend auf, indem es die Wege der Gegend begeht. Hier gehört der Weg in die Gegend. Dieses Verhältnis ist vom wissenschaftlichen Vorstellen aus nicht nur schwer, sondern überhaupt nicht zu erblicken. Wenn wir uns daher im folgenden auf den Weg der denkenden Erfahrung mit der Sprache besinnen, stellen wir keine methodologische Überlegung an. Wir gehen schon in der Gegend, in dem Bereich, der uns angeht."

Im Motto seines Buches "Holzwege" schreibt Heidegger:

"Holz lautet ein alter Name für Wald. Im Holz sind Wege, die meist verwachsen jäh im Unbegangenen aufhören. Sie heißen Holzwege. Jeder verläuft gesondert, aber im selben Wald. Oft scheint es, als gleiche einer dem Anderen. Doch es scheint nur so. Holzmacher und Waldhüter kennen die Wege. Sie wissen, was es heißt, auf einem Holzweg zu sein."

Wer fragend die Gegend erkundet lernt sie kennen, er weiß nicht alles, aber er weiß Bescheid - er kennt die Holzwege, er findet sich im Wald zurecht. Wer auf der Autobahn, einem Ziel zustrebend, den Wald durchquert 'erfährt' sich die Autobahn, aber erfährt nicht einmal über diese Wesentliches - geschweige denn, daß er den Wald  erführe. Wie lernt man den Wald kennen? Indem man Holzwegen folgt!

Carl Friedrich von Weizsäcker schreibt über ein Treffen mit Heidegger: "So führte er mich einen Waldweg, der abnahm und mitten im Wald an einer Stelle aufhörte, wo aus dem dichten Moos Wasser austrat. Ich sagte: „Der Weg hört auf“. Er sah mich pfiffig an und sagte: „Das ist der Holzweg. Er führt zu den Quellen. Das habe ich freilich nicht in das Buch geschrieben“."

"Die Wege der Besinnung wandeln sich stets, je nach der Wegstelle, an der der Gang beginnt, je nach der Wegstrecke, die er durchmißt, je nach dem Weitblick, der sich unterwegs in das Fragwürdige öffnet."

Wo kommt die wesentliche Antwort her?

"Jedes Anfragen bei der Sache des Denkens, jedes Nachfragen nach ihrem Wesen, wird schon von der Zusage dessen getragen, was in die Frage kommen soll. Darum ist das Hören der Zusage die eigentliche Gebärde des jetzt nötigen Denkens, nicht das Fragen. Weil jedoch das Hinhören ein Hinhören auf das entgegnende Wort ist, entfaltet sich das Hören auf die Zusage des zu-Denkenden stets in ein Fragen nach der Antwort."

"Was erfahren wir, wenn wir dies genügend bedenken? Daß das Fragen nicht die eigentliche Gebärde des Denkens ist, sondern - das Hören der Zusage dessen, was in Frage kommen soll."

Für die Magier unter uns. Eine Beschwörung wird vorgenommen, wenn der  Beschwörende von dem zu Beschwörenden (Teufel, Dämon, Geist oder Engel) etwas will, z. B. etwas wissen will, d.h. hören will, was das Beschworene sagt.

In Goethes Faus beschwört Faust einen Erdgeist  - Faust scheitert, weil er nicht auf das Befragte, den Geist, hören kann. (Anmerkungen in "[ ]" von MDE):

FAUST:
Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben!
 [Faust will hören, sich dem Geist hingeben, gut]
Du mußt! du mußt! und kostet es mein Leben!
[mußt? - Zwang, was will er denn hören?]
(Er faßt das Buch und spricht das Zeichen des Geistes geheimnisvoll aus. Es zuckt eine rötliche Flamme, der Geist erscheint in der Flamme.)
GEIST:
Wer ruft mir?
FAUST (abgewendet):
Schreckliches Gesicht!
GEIST:
Du hast mich mächtig angezogen,
An meiner Sphäre lang gesogen,
Und nun-
FAUST:
Weh! ich ertrag dich nicht!
GEIST:
Du flehst, eratmend mich zu schauen,
Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu sehn;
Mich neigt dein mächtig Seelenflehn,
Da bin ich!- Welch erbärmlich Grauen
Faßt Übermenschen dich! Wo ist der Seele Ruf?
Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf
Und trug und hegte, die mit Freudebeben
Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben?
Wo bist du, Faust, des Stimme mir erklang,
Der sich an mich mit allen Kräften drang?
Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert,
In allen Lebenslagen zittert,
Ein furchtsam weggekrümmter Wurm?
FAUST:
Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
Ich bin's, bin Faust, bin deinesgleichen!
GEIST:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab,
Wehe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselndes Wehen,
Ein glühend Leben,
So schaff ich am laufenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
FAUST:
Der du die weite Welt umschweifst,
Geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich dir!
GEIST:
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!
(verschwindet)
....
FAUST:
....
Ein Donnerwort hat mich hinweggerafft.