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 <title>Michael D. Eschner - Systemtheorie</title>
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 <title>Luhmann beobachtet</title>
 <link>https://www.mde-net.de/luhmann</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-name-body field-type-text-with-summary field-label-hidden view-mode-rss&quot;&gt;&lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;&lt;div class=&quot;field-item even&quot;&gt;&lt;p&gt;Ich habe mich in den letzten Monaten recht intensiv mit der &lt;strong&gt;Theorie Sozialer Systeme&lt;/strong&gt; (LuST = Luhmanns System Theorie) von Niklas Luhmann beschäftigt. Nachdem ich trotz vieler Leserei und intensiver Diskussionen immer wieder schwere Verständnisprobleme hatte, wandte ich mich einer Untersuchung der Grundbegriffe zu. Das Ergebnis war einigermaßen ernüchternd:&lt;/p&gt;
&lt;ol&gt;&lt;li&gt;
		&lt;strong&gt;Luhmanns Theorie sagt nichts über den beschriebenen Bereich (Gesellschaft), wohl aber etwas über Luhmann und Systeme, die seine Theorie benutzen, (Wissenschaftler, Wissenschaftssystem) aus.&lt;br /&gt;
		 &lt;br /&gt;
		Zitat&lt;/strong&gt;: &quot;Die These des Strukturkonservativimus belehrt uns nicht über die Theorie autopoietischer Systeme, wohl aber über den, der die These aufstellt, also über die Autopoiesis von Firmen und Fortbildungseinrichtungen der Beraterbranche - oder mit Maturana ...: sie sagt nichts über den beschriebenen Bereich, wohl aber etwas über den Beobachter, der eine solche Beschreibung anfertigt und benutzt.&quot; (Luhmann, Organisation und Entscheidung, S. 50)&lt;br /&gt;
		 &lt;br /&gt;
		Was Luhmann hier über die Autopoiese von Firmen etc. sagt gilt natürlich für alle autopoietischen Systeme, was durch das Maturana-Zitat bestätigt wird. Man muß sich das wirklich auf der Zunge zergehen lassen: &quot;... sagt nichts über den beschriebenen Bereich ... aus&quot;.&lt;br /&gt;
		 &lt;/li&gt;
&lt;li&gt;
		&lt;strong&gt;Beobachten, nach Luhmann &quot;bezeichnen und unterscheiden&quot;, bedeutet: Zeichen unterscheiden.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
		 &lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zitat&lt;/strong&gt;: &quot;... dass die Sprache als Differenz zwischen verschiedenen Wörtern oder zwischen verschiedenen Aussagen, wenn man es unter Bezug auf Sätze formuliert, gegeben ist und nicht ohne weiteres auch als Differenz zwischen den Wörtern und den Dingen. ... Die Sprache funktioniert, weil sie als Sprache z. B. zwischen dem Wort &quot;Professor&quot; und dem Wort &quot;Student&quot; unterscheiden kann. Ob es zwischen diesen beiden Exemplaren, die so bezeichnet werden, wirklich Unterschiede gibt, spielt dabei keine Rolle. Wir müssen, wenn wir die Sprache verwenden, Professor und Student unterscheiden. ... ob in der Realität solche Differenzen vorhanden sind, kann offen bleiben. ... Für den Verlauf ... einer Kommunikation ist die Differenz innerhalb der Sprache selbst entscheidend. Diese Differenz ist abgekoppelt von dem Problem der Referenz ...&quot;. &quot;So benutzt man Sprache in der Annahme, dass die Wörter etwas, was wir nicht so genau wissen, bezeichnen.&quot; (Luhmann, Einführung in die Systemtheorie, S. 67, 68 und 76)&lt;br /&gt;
		 &lt;br /&gt;
		Beobachten bedeutet Zeichen unterscheiden - weiter nichts. Die Differenz Be&#039;zeich&#039;nung / Be&#039;zeich&#039;netes ist eine Differenz von Zeichen, die auf nichts außerhalb der Zeichen verweist. Jedes Zeichen ist selbst schon eine Unterscheidung, mit dem Zeichen ist schon unterschieden, es braucht nichts weiteres.&lt;br /&gt;
		 &lt;br /&gt;
		Die Theorie unterscheidet also primär Wörter. Was dabei herauskommt sind oft Diskussionen, die schwer an das scholastische Problem &quot;wieviel Engel können auf einer Nadelspitze tanzen&quot; erinnern. Typisch dafür ist z. B. das Buch von Peter Fuchs &quot;Intervention und Erfahrung&quot;. Fuchs weist darin top-down und unter Vernachlässigung jeder Empirie &#039;eindeutig&#039; nach, daß Intervention aus systemtheoretisch logischen Gründen unmöglich ist - da braucht man dann ja keine Empirie mehr. Was lernen wir daraus? Das ist Wissenschaft, abweichende Erkenntnisse sind Glauben :-)&lt;br /&gt;
		 &lt;/li&gt;
&lt;li&gt;
		&lt;strong&gt;Eine Unterscheidung unterscheidet - weiter nichts und damit ist alles klar.&lt;br /&gt;
		  &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Zitat&lt;/strong&gt;: &quot;Die Unterscheidung kann nur selbstimplikativ eingeführt werden, und das wird zum Paradox, wenn man mit dem Unterscheiden beginnt. Denn die Unterscheidung ist eine Form, die ihrerseits eine Innenseite (das Unterschiedene) und eine Außenseite (das Sonstige) unterscheidet.&quot; Luhmann, Soziologische Aufklärung 5, S. 84.&lt;br /&gt;
		 &lt;br /&gt;
		Da steht also: Eine Unterscheidung unterscheidet. Tja, wenn das denn Wissenschaft ist.&lt;br /&gt;
		 &lt;/li&gt;
&lt;li&gt;
		&lt;strong&gt;Es geht bei allen Systemoperationen nur um Anschlußfähigkeit - nichts außerdem.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
		 &lt;br /&gt;
		Wie mir scheint, ein sehr wichtiger Punkt. Denken wir z.B. an die wissenschaftlich geforderte Empirie. &quot;Empirie&quot; ist ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, speziell im Wissenschaftssystem, zur Steigerung der Annahmewahrscheinlichkeit von Kommunikation. Vermutlich muß man das irgendwie invisibiliseren, Erwartungserwartungen für Empirie einbauen und braucht Organisationen (z. B. Univerwaltungen, Berufungskommissionen), die auf diesbezügliche Erwartungsenttäuschungen normativ reagieren, damit Empirie &#039;glaubwürdig&#039; bleibt - denn faktisch gibt es so etwas wie Empirie in dieser Theorie nicht.&lt;br /&gt;
		 &lt;/li&gt;
&lt;li&gt;
		&lt;strong&gt;Systemtheorie ist ein Beobachtungsspiel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
		 &lt;br /&gt;
		Der Begriff &quot;Beobachtungsspiel&quot; ist in Anlehnung an Wittgenstein verwendet. Wittgenstein betont damit, daß &quot;das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform&quot; (Philosophische Untersuchungen, § 23). In einem Beobachtungsspiel stellt eine Beobachtung (Beschreibung) einen Spielzug dar, der außerhalb des Spiels unsinnig wäre. Die jeweiligen Systemstrukturen (Spielsituation) bestimmen, welche Züge anschlußfähig sind.&lt;br /&gt;
		 &lt;br /&gt;
		Warum &quot;Beobachtungsspiel&quot;? Ich denke, daß dieser Begriff sehr genau trifft, was Systemtheoretiker (als Systemtheoretiker) tun.&lt;/li&gt;
&lt;/ol&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Fazit:&lt;/strong&gt; Keine Ahnung warum sich ein Beobachtungsspiel, zu dessen Grundlagen es gehört, nichts über seinen Gegenstandsbereich aussagen zu können, als &quot;wissenschaftliche Theorie&quot; bezeichnet - worauf die Systemtheoretiker eisern bestehen - und dafür auch noch Professorenstellen vergeben werden.&lt;/p&gt;
&lt;hr size=&quot;2&quot; width=&quot;100%&quot; /&gt;&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;section class=&quot;field field-name-taxonomyextra field-type-taxonomy-term-reference field-label-inline clearfix view-mode-rss&quot;&gt;&lt;h2 class=&quot;field-label&quot;&gt;Tags:&amp;nbsp;&lt;/h2&gt;&lt;ul class=&quot;field-items&quot;&gt;&lt;li class=&quot;field-item even&quot;&gt;&lt;a href=&quot;/taxonomy/term/2&quot;&gt;Systemtheorie&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;&lt;/ul&gt;&lt;/section&gt;</description>
 <pubDate>Thu, 07 Jun 2007 23:41:02 +0000</pubDate>
 <dc:creator>MDE</dc:creator>
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 <title>Hilfe: Paradox</title>
 <link>https://www.mde-net.de/hilfe-paradox</link>
 <description>&lt;div class=&quot;field field-name-body field-type-text-with-summary field-label-hidden view-mode-rss&quot;&gt;&lt;div class=&quot;field-items&quot;&gt;&lt;div class=&quot;field-item even&quot;&gt;&lt;p&gt;In den letzten Tagen hatte ich einige spannende Gespräche über Paradoxa. Aber fangen wir am Anfang an: Was ist ein Paradox?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Paradox wird der performative Widerspruch genannt: Widersprüchlichkeit als Folge der Negation von Selbstbezüglichkeit, d. h. wenn eine auf sich selbst anwendbare Aussage negiert wird. Ein Beispiel ist das Paradoxon des Eubulides: &quot;Dieser Satz ist falsch.&quot; Der Satz sagt etwas über sich selbst aus, aber: ist er nun wahr oder falsch? Er ist wahr, wenn er falsch ist und falsch, wenn er wahr ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	In dem Roman &quot;Per Anhalter durch die Galaxis&quot; von Douglas Adams gibt es einen sogenannten Babelfisch. Mit seiner Hilfe kann man alle Sprachen des Universums verstehen - und Gott durch ein Paradox vernichten.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Auf die Unwahrscheinlichkeit der Entstehung des Babelfischs durch pure Evolution wurden kluge Denker aufmerksam und bewiesen mit Hilfe dieses Fisches, dass es Gott nicht geben kann: „Ich weigere mich zu beweisen, dass ich existiere,“ sagt Gott, „denn ein Beweis ist gegen den Glauben, und ohne Glauben bin ich nichts.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	„Aber,“ sagt der Mensch, „der Babelfisch ist doch eine unbewusste Offenbarung, nicht wahr? Er hätte sich nicht zufällig entwickeln können. Er beweist, dass es dich gibt, und darum gibt es dich, deiner eigenen Argumente zufolge, nicht. Quod erat demonstrandum.“&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	„Ach du lieber Gott,“ sagt Gott, „daran habe ich nicht gedacht“, und löste sich prompt in ein Logikwölkchen auf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	„Na, das war ja einfach“, sagt der Mensch, und beweist, weil&#039;s gerade so schön war, dass Schwarz gleich Weiß ist und kommt wenig später auf einem Zebrastreifen ums Leben.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Nach dem gleichen Muster ist die soziologische Systemtheorie von Niklas Luhmann gebaut. Sie basiert auf der Leitunterscheidung von System und Umwelt. So weit so einfach. Wenn man genauer nachfragt erfährt man: System = System / Umwelt (&quot;/&quot; steht für die Grenze). Das wird ausgesprochen als: Das System ist die Unterscheidung von System und Umwelt. Da fällt dann auf: the same is different - also ein Paradox.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Das Problem ist nun: aus Widersprüchen folgen beliebige Behauptungen. Deshalb wird gewöhnlich jeder Hinweis auf einen Widerspruch in einer Theorie als Aufforderung, eine neue, widerspruchsfreie Theorie zu finden aufgefaßt. Nicht so bei den Luhmannschen Systemtheoretikern. Sie sagen, wir können nicht anders. Warum? Selbstbezüglichkeit. Eine Theorie der Gesellschaft muß sich ja selbst, als Teil der Gesellschaft, in der Gesellschaft wiederfinden. Klar, das geht wohl nicht anders.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Die Frage ist, was ist Selbstbezüglichkeit?  Um Selbstbezüglichkeit zu verstehen, muß man erst einmal Selbstbezüglichkeit verstehen. Also definieren wir:&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;&lt;li&gt;
		Definition von Selbstbezüglichkeit: siehe Definition von Selbstbezüglichkeit.&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;&lt;p&gt;Nicht gut? Okay, lassen wir den Meister selber sprechen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&quot;Ein Paradox ergibt sich, wenn die Bedingungen der Möglichkeit einer Operation zugleich die Bedingungen der Unmöglichkeit dieser Operation sind. Da alle selbstreferentiellen Systeme, die über Möglichkeiten der Negation verfügen, Paradoxien erzeugen, die ihre eigenen Operationen blockieren (zum Beispiel sich selbst nur bestimmen können im Hinblick auf das, was sie nicht sind, obwohl sie selbst und nichts außerhalb ihrer dieses Nichtsein sind), müssen sie Möglichkeiten der Entparadoxierung vorsehen und zugleich die dazu nötigen Operationen invisibilisieren. Sie müssen zum Beispiel die rekursive Symmetrie ihrer Selbstreferenz zeitlich oder hierarchisch als Asymmetrie behandeln können...&quot; (Luhmann, Ökologische Kommunikation ... 1986, S.268)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Alles klar? Gut! Oder doch nicht?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Das Problem ist, daß die Paradoxie von der Luhmann redet faktisch niemals auftritt, weil sie immer schon zeitlich als Nacheinander aufgelöst (entparadoxiert) ist. Eine Paradoxie besteht nur, wenn man das System zeitlos betrachtet. Aber ein System in Betrieb - genau darum geht es hier: psychische und soziale Systeme - ist immer in der Zeit. Außerhalb der Zeit wäre es tot, also kein System mehr.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	In Luhmanns Systemtheorie wimmelt es nur so von Paradoxien - die alle völlig unnötig sind, denn jede Paradoxie kann zeitlich (und viele Paradoxien auch hierarchisch, sozial, etc.) aufgelöst werden. Ich habe einige Systemtheoretiker gefragt: warum diese Paradoxien? Die Antwort war im wesentlichen, weil es nicht anders geht. Leider konnte mir keiner erklären, warum es nicht anders geht - wo es doch ganz offensichtlich anders geht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Ich bin, aber das ist bei mir eh ein Dauerzustand, verwirrt. Vielleicht stößt ein Luhmannscher Systemtheoretiker irgendwann einmal auf diesen verzweifelten Hilferuf und befreit mich von meiner Verwirrung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Bis zu diesem Zeitpunkt werde ich irren und wirren müssen. Hm, könnte es sein, daß mich damit nur das Schicksal ereilt hat, welches Luhmann für seine Epigonen vorgesehen hatte? Sind wir vielleicht alle ...&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;center&quot;&gt;&lt;strong&gt;Wir sind alle Individuen! Wir sind alle verschieden! Ich nicht!&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;hr size=&quot;2&quot; width=&quot;100%&quot; /&gt;&lt;p&gt; &lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;/div&gt;&lt;section class=&quot;field field-name-taxonomyextra field-type-taxonomy-term-reference field-label-inline clearfix view-mode-rss&quot;&gt;&lt;h2 class=&quot;field-label&quot;&gt;Tags:&amp;nbsp;&lt;/h2&gt;&lt;ul class=&quot;field-items&quot;&gt;&lt;li class=&quot;field-item even&quot;&gt;&lt;a href=&quot;/taxonomy/term/2&quot;&gt;Systemtheorie&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;&lt;li class=&quot;field-item odd&quot;&gt;&lt;a href=&quot;/taxonomy/term/46&quot;&gt;Philosophie&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;&lt;/ul&gt;&lt;/section&gt;</description>
 <pubDate>Fri, 11 May 2007 00:38:23 +0000</pubDate>
 <dc:creator>MDE</dc:creator>
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