Moralisches Fazit

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal kurz die drei Moraltypen:

  • Der Wertstandard der Opfermoral ist die Unterwürfigkeit und deren 'edelste' Ausprägung ist das Selbstopfer. Die Pflicht zur Unterwerfung wird durch Minderwertigkeit aus der Ursünde oder durch göttliches Gebot begründet und durch ewige Verdammnis oder soziale Ächtung erzwungen.
  • Der Wertstandard der Raubtiermoral ist die Laune, deren Befriedigung durch Gewalt, Betrug und Diebstahl erzwungen wird.
  • Der Wertstandard der Win-Win-Moral sind die Erfordernisse des Lebens, Lebenswerte, welche durch produktives Erzeugen und Win-Win-Handeln freiwillig erschaffen werden.

Wenn wir diese Moralen auf den Lebenslauf übertragen, können wir sehen, dass es sich um natürliche Entwicklungsstadien des Menschen handelt:

  • Das Kind - Du musst mir helfen: Die Opfermoral ist angemessen, denn das Kind kann sich nicht selbst helfen - es hat keine Alternative.
  • Der Jugendliche - Ich werde meine Ziele durchsetzen, egal wie: Die Raubtiermoral ist angemessen, denn der Jugendliche muss lernen, sich selbst zu versorgen und seine Interessen in der Welt durchzusetzen. Am Ende dieses Prozesses stehen
    • Loser (Verlierer), die sich nicht durchsetzen konnten und auf die Du-Stufe des Kindes zurückfallen. Typische Äußerung: Ich habe ja alles versucht, aber ...
    • Winner, die sich durchgesetzt haben, egal wie. Typische Äußerung: Wenn man nicht alles selbst macht. Wer blöd genug ist, sich über den Leisten ziehen zu lassen ...
    • Win-Winner, die nächste Stufe, der erwachsene Mensch.
  • Der Erwachsene - Wir wollen und erschaffen unsere Werte in synergetischem Miteinander: Erwachsene haben den Wert der Synergie (Zusammenwirken, sich gegenseitig fördern) verstanden: Wenn alle gewinnen, gewinne ich mehr, als wenn ich andere besiege und nur allein oder auf Kosten anderer gewinne. Wenn jeder seine Stärken in ein gemeinsames Werk einbringt, steht am Ende mehr, als jeder allein erschaffen könnte. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile (Holismus).
    Was dabei oft übersehen wird: Wenn Win-Win von Losern oder Winnern verkündet wird - verkommt es zur Forderung einer Opfer- oder zur Heuchelei einer Raubtiermoral. Win-Win ist nur mit Win-Winnern möglich.

Beispiel: Machen wir ein kleines Spiel. Mitten im Raum wird ein Strich gezogen, die Grenze zwischen zwei Herrschaftsbereichen. Auf jeder Seite der Grenze steht ein Spieler. Gewonnen hat der Spieler, der den anderen - ohne Anwendung von Gewalt - dazu bringt, auf seine Seite zu wechseln.

  • Du-Spieler (Opfermoral): Laufen entweder direkt auf die Seite des anderen Spielers über oder versuchen, den anderen mit Jammern, Wehklagen und moralischen Appellen zum Überlaufen zu bewegen.
  • Ich-Spieler (Raubtiermoral): Werden keinesfalls selbst die Seite wechseln, sondern versuchen, den anderen mit allen Tricks zum Überlaufen zu bewegen.
  • Wir-Spieler (Win-Win-Moral): "Wenn du auf meine Seite kommst, geh ich auf deine Seite." Sie werden sich darauf einigen, dass sie beide gleichzeitig die Seiten wechseln - beide haben gewonnen.

Jetzt wird natürlich die typisch christliche Frage kommen: Win-Win ist ja schön und gut, aber was ist mit Liebe und Nächstenliebe? In dieser Frage zeigt sich die ganze verlogene Erbärmlichkeit der Opfermoral.

Damit wir wissen, wovon wir reden, beginnen wir mit einigen Charakterisierungen von Liebe:

  • Liebe heißt, sich selbst im anderen wissen. Wer im Anderen sich selbst weiß, der sorgt sich um den Anderen genau so, wie um sich selbst. Dieses Wissen ist Liebe (Hegel).
  • Der Liebende orientiert sein Handeln am Erleben der Geliebten (Luhmann).
  • Die Liebende verführt den Geliebten zu seinen höchsten Möglichkeiten (MDE). 

Wir sehen: Liebe - und das gilt gleichermaßen für Selbst-, wie Nächstenliebe - ist nichts, das gefordert, gekauft oder eingeklagt werden kann. Liebe ist ein Geschenk. Liebe kann nur freiwillig gegeben werden. Sobald Liebe gefordert wird, ist sie unmöglich. Was gefordert wird, kann nicht mehr geschenkt werden. Liebe ist ein Geschöpf der Freiheit. Liebe ist edel - kein Almosen.

Moral beruht auf Wollen und Sollen, aber Liebe kann weder gewollt noch gesollt werden. Liebe kann nur geschenkt werden. Deshalb ist Liebe nur unter den Bedingungen einer Moral zu haben, die sich auf Freiheit beschränkt. Deshalb hat Liebe in der Win-Win-Moral keinen Platz. Genau dadurch eröffnet nur Win-Win-Moral die Möglichkeit der Liebe.

Die Freiheit anderer Menschen ist die Grenze meiner Freiheit. Soweit die Moral. Die Verwirklichung meiner Freiheit ist die Liebe. Das ist grenzenlose Freiheit. Freiheit, zu Ende gedacht, ist Liebe.

Die Win-Win-Moral ermöglicht es den Menschen, im anderen Menschen
nicht die Grenzen seiner Freiheit,
sondern vielmehr die Verwirklichung seiner Freiheit zu finden:
Liebe