Die Welt ist die Beschreibung der Welt

Von der steinernen Realität zur Flüssigkeit der Beschreibung

Mit den Spielen, Festen und Kulten sind unsere Sicherheiten und Orientierungen, insbesondere unsere Wahrheiten dahingegangen. Alles ist relativ und selbst das ist relativ - also nicht besonders interessant.

Sehen wir den Tatsachen ins Auge, beschönigen nichts und einigen uns darauf:

Wir sind erwachsen geworden,
das Äon der steinernen Wahrheiten ist zerfallen.
 
  • Wir brauchen die Realitätshypothese nicht. Wir brauchen weder ewige Wahrheiten noch ewigen Weihrauch, weder Essentialismus noch Relativismus. Das sind Unterscheidungen, die weder wahr noch falsch sind, sondern einfach uninteressant, langweilig, witzlos.  
  • Wir kennen und brauchen nur Beschreibungen und Beschreibungen von Beschreibungen. Was von Beschreibungen beschrieben wird, sind Beschreibungen - nichts sonst, nichts dahinter.
  • Wir ersetzen steinerne Wahrheiten durch Change Management:
    • Beschreibungen "so far" sind unsere Überzeugungen von gestern.
    • Beschreibungen "from now on" sind unsere Beschreibungen von morgen.
    • Heute managen wir den Wechsel.

 

Beschreibung nennen wir alles,
was wir wahrnehmen, erleben, tun, denken, fühlen, wollen oder sagen.
Das Objekt ist seine Beschreibung, das Subjekt desgleichen.

Beschreibungen beschreiben Beschreibungen.
Alles ist Beschreibung.
Der vorhergehende Satz ist eine Beschreibung.

  • Amelie: Wir kennen nur Beschreibungen und Beschreibungen von Beschreibungen.
  • Richard: Du meinst, wir leben nur in Wörtern?
  • Amelie: Nein, auch Sinneswahrnehmungen sind Beschreibungen. Bilder, die wir sehen, Gerüche, die wir riechen, genauso wie Wörter, die wir hören, alles Beschreibungen.
  • Richard: Was ist dahinter? Ich meine, hinter den Beschreibungen muss doch etwas sein, was keine Beschreibung ist.
  • Amelie: In meinen Beschreibungen nicht!
  • Richard: Aber eine Beschreibung beschreibt doch etwas, das beschrieben wird.
  • Amelie: Natürlich, eine andere Beschreibung. Du sagst "runder Tisch" und beschreibst damit den runden Tisch, den du siehst, also visuell beschreibst.
  • Richard: Ist das wahr?
  • Amelie: Es ist eine Beschreibung.
  • Richard: Beschreibungen beschreiben entweder die wirkliche Wirklichkeit, die Realität oder das Sein, dann sind sie wahr, andernfalls sind sie falsch.
  • Amelie: Wer sagt das?
  • Richard: Das ist so!
  • Amelie: Wer sagt das? Die Realität oder Richard?
  • Richard: Na ja, ich sage das - aber das ist so.
  • Amelie: Aha, das ist eine Beschreibung von Richard. Die Realität oder das "ist" hat gar nichts gesagt. Also: Beschreibungen beschreiben Beschreibungen.
  • Richard: Aber wenn Beschreibungen nur Beschreibungen beschreiben, können sie an keiner Realität scheitern, dann sind sie beliebig - und ich kann dich als Eimer beschreiben.
  • Amelie: Nein, Beschreibungen können scheitern - an alternativen Beschreibungen. Wenn du mich als Eimer beschreibst, kann ich dir eine auf die Rübe geben. Damit ist deine Beschreibung von mir als Eimer an meiner Beschreibung von mir als schlagkräftige Frau gescheitert.
  • Richard: Na gut, dann habe ich eine Beule, aber das ist eine reale Beule, nicht nur die Beschreibung einer Beule.
  • Amelie: Huch, woher weißt du denn von deiner Beule? Doch nur, indem du die Beule wahrnimmst und somit beschreibst, also hast du nur eine Beule, weil du dies so beschrieben hast. Was sollte denn eine beschriebene Beule von einer als wirklich beschrieben Beule unterscheiden?
  • Richard: Na, die Realität! Eine wirkliche Beule ist eine reale Beule, sie ist da, unabhängig davon, ob oder wie ich sie beschreibe.
  • Amelie: Kannst du mir dann die Beule, wie sie unabhängig von einer Beschreibung ist, mal zeigen?
  • Richard: Schau her. *zeigt auf die Beule*
  • Amelie: Hm, ich sehe die bildhafte Beschreibung einer Beule. Aber eine Beule jenseits einer Beschreibung, kann ich nicht entdecken.
  • Richard: *verdreht die Augen - plumps*
  • Amelie: Armer Richard - noch 'ne Beule ...

Verlassen wir Richard und Amelie und fassen zusammen:

  • Die Welt ist unsere Beschreibung der Welt.
  • Ich bin für mich meine Beschreibung von mir und für dich Deine Beschreibung von mir.
  • Beschreibungen sind weder wahr noch falsch, es sind Werkzeuge, die nützlich oder nutzlos sind.
  • Je nachdem, welche Ziele ein Mensch hat, sind manche Beschreibungen nützlichere Werkzeuge als andere Beschreibungen. "Ziele" und "nützlichere Werkzeuge" sind Beschreibungen.
  • Da Beschreibungen keine Wahrheiten sind, muss zu jeder Beschreibung die Referenz angegeben werden: Wer beschreibt das so?
  • Das gilt für alles, was in diesem Text geschrieben steht - vom ersten Wort bis zum letzten Punkt.

Beschreibungen beschreiben wir als Operationen, d.h. Ereignisse in der Zeit. Beschreibungen sind weder Konstruktionen noch Beschreibungen einer (von Beschreibungen unabhängigen) Realität. Beschreibungen scheitern nicht an einer unbeschreibbaren Realität (was ist das?), sondern an alternativen Beschreibungen. Wir beschreiben, wie wir beschreiben, that's all. Dennoch sind Beschreibungen nicht beliebig.

Beschreibungen "so far" und "from now on"

Unsere Überzeugungen (Richards Beule), sind die Beschreibungen, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt vertreten. Das sind unsere Beschreibungen "so far" (bis jetzt). Beschreibungen "so far" ändern sich durch alternative Beschreibungen (Eimer versus schlagkräftige Frau) "from now on" (ab jetzt). Wir haben Überzeugungen und wir ändern unsere Überzeugungen durch alternative Beschreibungen zu neuen Überzeugungen. So einfach kann das Leben sein :-)

Wer eine Steinwand "so far" so beschreibt, dass er mit dem Kopf durch die Wand rennen kann, wird gewöhnlich feststellen, dass seine Beschreibung an einer alternativen Beschreibung, der Wand, scheitert: Wand härter als Kopf. Das ist die geänderte Beschreibung: "from now on".

Wahrheit versus Beschreibung

Es gibt verschiedene Arten von Beschreibungen und es macht die Sache vielleicht klarer, wenn wir Beschreibungen mit den alteuropäischen Wahrheiten vergleichen (ganz grob):

  • Alteuropäisch: Es gibt eine Wahrheit, die unabhängig von menschlichen Beschreibungen ist. Wissen ist wahre Überzeugung.
    • Religion: Wahrheit durch Autorität, Glauben. Wissen gründet auf Autoritäten, z. B. heiligen Büchern, Päpsten, großen Weisen, etc. Entscheidend ist es, die 'richtigen' Autoritäten zu wählen, ansonsten Irrglauben entsteht.  
    • Philosophie: Wahrheit durch Vernunft, Argumente. Wissen gründet auf vernünftiger Argumentation, alles andere ist nur Meinung.
    • Wissenschaft: Wahrheit durch Empirie, Wahrnehmung und Experiment, Wissen gründet in Experimenten und mathematischen Modellen von Wahrnehmungen (Messungen).
    • Kunst: Wahrheit durch Darstellung, z. B. "Kunst ist ins Werk gesetzte Wahrheit" (Heidegger) oder die "Wiedergewinnung der Frage nach der Wahrheit der Kunst" (Gadamer). Wissen gründet auf 'richtiger' Interpretation.

Alle diese Verfahren setzten die Realitätshypothese voraus, d.h. die Annahmen, dass es etwas gäbe, was so ist, wie es ist, unabhängig davon, wie Menschen es beschreiben. Aber, die so beschriebene Relität ist schon eine Beschreibung. Wenn man behauptet, dass Beschreibungen an der Realität scheitern können, sagt man nicht anderes als: Beschreibungen scheitern an Beschreibungen.

Die folgenden Punkte sollen an einigen Beispielen das Prinzip verdeutlichen. Sie sind deshalb nur kurz und grob dargestellt - ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Thelema: Es gibt Beschreibungen und Beschreibungen von Beschreibungen. Beschreibungen "so far" sind die Überzeugungen eines Menschen. Sie sind die Welt, in der ein Mensch lebt. Das Wort "Beschreibung" wird im folgenden nicht ständig mitgeführt, aber "Wahrnehmung" meint "Wahrnehmungs-Beschreibung", "Beziehung" meint "Beziehungs-Beschreibung" usw.
    • Wissen: Wahrnehmungen und Konzepte.
      Wahrnehmung meint Wahrnehmung durch die Sinnesorgane.
      Ein Konzept ist eine Integration von Wahrnehmungen durch Beschreibung von Beziehungen und Schlussfolgerungen. Auf Konzepten können höherstufige Konzepte aufgebaut werden.
      Ein bekanntes Konzept ist Kausalität: Ursache und Wirkung. Wahrnehmen kann man nur die zeitliche Abfolge zweier Ereignisse. Wenn man ein Ereignis als Ursache eines anderen Ereignisse beschreibt, verwendet man ein Konzept.
      Argumente sind Darstellungen von Wahrnehmungen oder Konzepten sowie Schlussfolgerungen aus diesen.
      • Mögliches Wissen: Es gibt einige Argumente dafür, dass eine alternative Beschreibung nützlicher (als Mittel zu einem Zweck) sein könnte, als eine Beschreibung "so far", aber es sind weitere Prüfungen nötig.
      • Plausibles Wissen: Es gibt überzeugende Argumente dafür, dass eine alternative Beschreibung nützlicher sein könnte, als eine Beschreibung "so far", aber es fehlt die experimentelle Bestätigung.
      • Evidentes Wissen (Gewissheit): Eine alternative Beschreibung hat sich im Experiment als nützlicher erwiesen, als eine Beschreibung "so far" und wird nun Beschreibung "from now on".
    • Beliebigkeit: Beschreibungen, die weder auf Wahrnehmungen noch auf Konzepten basieren, aber als "gewiss" (Wissen) beschrieben werden. Über Beliebigkeiten kann man nicht argumentieren. Sie sind argumentationslos und deshalb weder beweis- noch widerlegbar. Beliebigkeiten werden oft mit Gefühl, Intuition oder Offenbarung begründet, was sie aber eben als Beliebigkeit kennzeichnet.
      Beliebigkeit, die als Beliebigkeit beschrieben wird, z. B. als Fiktion oder Fantasy, ist Wissen: Man weiß, dass diese Beschreibung kein Wissen ist.
      • Meinung: Beliebigkeit, von der ein Mensch überzeugt ist und die er als private Überzeugung  beschreibt, d.h. als Überzeugung, die andere Menschen nicht teilen müssen.
      • Glauben: Beliebigkeit, von der ein Mensch überzeugt ist und die er als öffentliche Überzeugung beschreibt, d.h. als Überzeugung, die jeder Mensch teilen muss und die jeder rechtgläubige Mensch teilt.
    • Spiel: Eine Menge widerspruchsfreier und zusammenhängender Regeln, die auf ansonsten beliebiger Setzung (Entscheidung) beruhen und Handlungen ermöglichen, um ein Ziel zu erreichen. Von Spielen kann man sowohl Wissen als auch Beliebigkeiten haben.
    • Kunst: Beschreibungen, die auf Wahrnehmungen oder Konzepten basieren und allgemeine alternative Beschreibungen anplausibilisieren.

Es geht nun nicht darum, dass Wissen immer besser wäre als Beliebigkeit. Wichtig ist, dass die Art der Beschreibung richtig sortiert wird. Der Maßstab der Nützlichkeit ist: Welcher Zweck wird verfolgt?

Beschreibungen sind Werkzeuge

Beschreibungen sind Werkzeuge - Mittel zu einem Zweck. Wenn eine Beschreibung als Werkzeug nutzlos ist, ist sie: nutzlos.

Je nach Zweck verwendet man andere Werkzeuge. Das einzige Kriterium für die Auswahl eines Werkzeugs ist: Erfolg, d.h. wir erreichen mit diesem Werkzeug unser Ziel. Erfolg bedeutet für verschiedene Menschen Verschiedenes: Geld, eine Maschine, Liebe, Bequemlichkeit, Glück - was auch immer. Deshalb sind Streits zwischen Religion und Wissenschaft oder Glauben und Vernunft völlig sinnfreie Beschäftigungen: Das sind Werkzeuge, die unterschiedliche Zwecke bedienen:

  • Zum Bau einer Brücke ist Wissen nützlicher als Beliebigkeit.
  • Für den Seelenfrieden mag eine Meinung oder ein Glauben nützlicher sein als Wissen.
  • Beliebigkeiten können zukünftige Beschreibungen beeinflussen und neue Ideen anregen.
  • Genauso kann es nützlich sein, sich einer Religion anzuschließen, wenn man keine Lust hat, sich selbst um sein Seelenheil zu kümmern.
  • Spiel und Kunst sind insbesondere dann unersetzlich, wenn Beschreibungen "so far" versagen und keine alternativen Beschreibungen bekannt sind.

Das Beschreibungsspiel

Thelemiten spielen mit Beschreibungen. Wir sind nicht nur Beobachter der Welt. Wir sind auch keine Arbeiter in der Welt. Wir spielen - nach unseren Spielregeln, entsprechend unseren Beschreibungen "so far": den Überzeugungen, die "so far" unsere jeweilige Wirklichkeit sind.

Thelema ist die neue Art auf der Erde zu leben.
... auf der Erde zu leben!

Der vorliegende Text besteht aus Beschreibungen "so far" und kann sich jederzeit durch alternative Beschreibungen "from now on" ändern. Wir vertreten keinerlei statische Wahr-Falsch Positionen, nur unsere Beschreibungen "so far".

Vereinfachungen

Damit wir im folgenden nicht immer "Beschreibung" ergänzen müssen, z.B. "Wahrnehmungs-Beschreibung", verwenden wir die gängige Sprache und denken uns "Beschreibung" immer dazu. Wenn "Wahrnehmung" geschrieben steht, lesen wir "Wahrnehmungs-Beschreibung". Wenn da steht, "Dies ist rot" lesen wir: "Wir beschreiben dies als rot". Da wir aber wissen, dass die Beschreibung - und nichts darüber hinaus - das Objekt ist, wissen wir, dass "wir beschreiben dies als rot", identisch ist mit: "Dies ist rot".

Wieder normal geworden ...

Wenn das klar ist, können wir sagen: Wir wollen wissenschaftlichen Fortschritt, produktives Schaffen, romantische Kunst, kreatives Spielen, vernünftiges Denken, warmherziges Fühlen und tatkräftiges Handeln. Wir denken, dass die Erziehung von Kindern genau diese Fähigkeiten fördern sollte. Politisch befürworten wir den freien Kapitalismus, die bedingungslosen Freiheits- und Eigentumsrechte für alle Menschen und einen strikt auf den Schutz vor Gewalt und den rechtlichen Schutz von Verträgen begrenzten Staat.

... radikale Freiheit!