Vernunft: Was ist Vernunft?

Vernunft ist die Fähigkeit und Fertigkeit
in unsere Beschreibungen Sinn, Struktur und Ordnung zu bringen.

Vernunft geschieht als Spiel von Argument und Gegenargument um Frage- und Antworträume zu eröffnen und mögliche Antworten zu bewerten. In Anlehnung an Kant können drei Aspekte der Vernunft unterschieden werden:

  • Unbedingtheit: Vernunft ist nur als Selberdenken möglich, denn anders können Argumente nicht verstanden werden.
  • Allgemeinheit: Vernunft ist nur als "an der Stelle jedes andern denken" möglich, denn anders können weder die eigenen noch die Argumente anderer Argumentierender verstanden werden.
  • Gesetzmäßigkeit: Vernunft ist nur als mit sich selbst einstimmiges (widerspruchsfrei, zusammenhängend) Denken möglich, denn ansonsten ist der Zusammenhang der Argumente nicht verständlich.

Die Plausibilität von Argumenten kann nur beurteilt werden, soweit sie sich auf mögliche Wahrnehmungen oder Schlußfolgerungen daraus beziehen. Die stärksten Argumente sind, als Erleben oder Handeln, praktisch vollziehbare Konditionale: Wenn ... , dann ....

Dies ist ein pragmatischer und hermeneutischer Vernunftbegriff,
der nichts mit Vernunft als Garant von Wahrheit zu tun hat.

Warum Vernunft?

Weil wir Menschen weder Klauen noch Reißzähne oder Giftstachel haben. Vernunft ist das einzige Mittel des Menschen zum Überleben.

Abgrenzungen:

Die Vernunft verfährt

  1. begrifflich im Gegensatz zur Sinnlichkeit (Sinneswahrnehmung),
  2. argumentierend im Gegensatz zur Intuition und ermöglicht
  3. die verständliche Begründung von Behauptungen im Gegensatz zum Willen und Gefühl.

Intuition, Willen und Gefühl können Behauptungen nicht verständlich begründen, weil niemand die Intuitionen, den Willen oder die Gefühle eines anderen Menschen wahrnehmen kann. Sie müssen deshalb immer in Argumente übersetzt werden. Abgesehen davon ist die Begründungsfähigkeit von Intuition, Willen und Gefühlen höchst zweifelhaft, weshalb die Übersetzung in Argumente schon aus Gründen der Lebensfähigkeit ratsam ist.

Kant unterscheidet Verstand und Vernunft. Der Verstand sei die Fähigkeit, begriffliche Bestimmungen zu geben und Urteile zu fällen, durch die die Sinneseindrücke miteinander verbunden werden. Der Verstand sei auf das beschränkt, was Gegenstand einer Wahrnehmung werden kann. Die Vernunft hingegen ginge über jede mögliche Sinneserfahrung hinaus, indem sie Begriffe wie Welt, Seele und Gott bildet. Die Vernunft könne daher nur eine regulative Funktion haben. Im deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel) wird die Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft abgelehnt und der Verstand als Teil der Vernunft aufgefaßt.

Wenn die Kantsche Unterscheidung in einem Argument relevant ist, kann man sie machen und Verstand als spezialisierten Teil der Vernunft beschreiben. Wenn sie für das Argument nicht relevant ist, sprechen wir einfach von Vernunft.


Weitere Infos: Die Revolution des FragensGeistige Unterernährung