Krieg der Wahrheiten

 

Pyramiden von Gizeh

Pyramiden von Gizeh

Die moderne Welt begann vor etwa 5.000 Jahren im alten Ägypten. In der 3. Dynastie (2620 v. Chr.) erfindet der Wesir und Oberbaumeister Imhotep den Steinbau. Daraus entsteht die steinerne Monumentalkultur der Ewigkeit, wie wir sie noch heute in Pyramiden, Tempeln und Statuen bewundern können.

 

Ägypten, das ist der Stein als Heilsweg zur Überwindung der Vergänglichkeit. Damit beginnt die Steinzeit des Denkens und Erkennens, das Äon der in Stein gehauenen ewigen Wahrheiten. Am 11. September 2001 fand es mit dem blutigen Anschlag auf das World Trade Center einen vorläufigen Höhepunkt.

 

World Trade Center

World Trade Center

Etwa an der Wende zum 2. Jahrtausend begann die Vergeistigung des Steins, indem die Ewigkeit der steinernen Monumentalbauten durch die Tugend, die ethische Vollkommenheit, ergänzt wurde. In der Ramessidenzeit (13. Jh. v. Chr.) setzte sich dann die Erkenntnis durch, daß Weisheitsbücher (ägypt. Unterweltsliteratur, Totenbuch), also Wissen, eine sehr viel haltbarere Investition in die Unsterblichkeit sind, als steinerne Pyramiden. Weisheitsbücher sind - sozusagen - steinerner als der Stein, denn die Pyramiden verfallen, Wissen (Erinnerung) aber bleibt erhalten.

Im 13. Jahrhundert v. Chr. fand der Auszug der Juden aus Ägypten unter ihrem Führer Mose statt. Mose war der Erfinder der ersten monotheistischen (es gibt nur einen Gott) Religion, welche den eigenen Gott als Wahrheit und die Götter der anderen als Lüge bezeichnete. Damit war die Steinzeit des Denkens endgültig von der praktischen Monumentalität des Steins in die theoretische Monumentalität der Begriffe mutiert. Der ewige Stein war in der ewigen Wahrheit aufgegangen, aber die Steinzeit war dadurch nicht beendet, denn die Wahrheit hatte die gleiche Funktion wie der Stein: Darstellung des Ewigen und Unveränderlichen - Denken hart wie Stein.

Der Krieg der Wahrheiten begann also mit der sogenannten "Mosaischen Unterscheidung" zwischen Wahrheit und Lüge. Die "Mosaische Unterscheidung" war die erste Killer-Unterscheidung der Weltgeschichte. Die Unterscheidung des einen wahren Gottes von allen anderen als falschen Göttern, war der polytheistischen (viele Götter) Welt unbekannt: Götter waren Götter, weder wahr noch falsch. In der antiken Geschichtsschreibung wurde die neue Religion von Mose folglich als Gottlosigkeit oder gar als Lehre des Hasses beschrieben.

Der Wahrheits-Terror ist der Kampf der Killer-Unterscheidungen: Sein-Nicht-Sein, Wahr-Falsch, Subjekt-Objekt, System-Umwelt, Konstruktivismus-Realismus, Sprache-Wirklichkeit, Gott-Teufel, Einheit-Vielheit, Christen-Moslems usw. Hat man sich auf diese in Stein gehauenen Unterscheidungen einmal eingelassen, muss man Position beziehen: Diese Seite, nicht die andere. Wer steht auf der richtigen Seite? Ich! Wer steht auf der falschen Seite? Alle, die nicht auf meiner Seite stehen!

Die Armeen sind aufgestellt, der Kampf kann losgehen. Zu gewinnen ist er nicht. Deshalb werden die gleichen Schlachten seit über 3000 Jahren immer wieder geschlagen. Mit blutigen Verlusten auf beiden Seiten und in aller gebotenen Verbissenheit. Mit Waffen, Scheiterhaufen, Terrorismus, Traktaten und sonstigen Argumenten. Mal gewinnt die eine Seite einen kleinen Vorteil, mal die andere - der Sieg ist so fern, wie er es vor 3000 Jahren schon war.

Das nächste Entwicklungsstadium der Steinzeit des Denkens finden wir im antiken Griechenland (ca. 400 bis 300 v. Chr.). Hier erhalten die Unterscheidungen, über die Wahr-Falsch verrechnet wird - schon vor 2500 Jahren - ihre immer noch aktuelle Form:

 

  • Platon erfand den Idealismus, woraus später Rationalismus und Konstruktivismus wurden: Das Erkennende konstruiert das Erkannte, kann aber an der Realität (Wahrheit) scheitern. Also: Die Welt wird durch Ideen, Denken, Bewusstsein bestimmt.
  • Aristoteles entgegnete mit dem Realismus und Empirismus: Das Erkannte instruiert das Erkennende, kann aber an dessen Erkenntnisschwäche scheitern. Also: Es gibt eine bewusstseinsunabhängige, reale Welt.
  • Sophisten, Skeptiker fanden, dass das alles Unsinnn sei und lehnten es mit Relativismus und  Skeptizismus ab: Es gibt keinen sicheren Weg vom Erkennenden zum Erkannten oder umgekehrt.

 

Beweinung Christi

Jerusalem:
Beweinung Christi

Jerusalem, die Wahrheit der Religion und Athen, die Wahrheit der Vernunft. Das sind die beiden Wege der Steinzeit des Denkens, die unsere europäische Kultur formten.

Beide Wege basieren (Basalt!) auf der Wahrheits- oder Realitätshypothese: Es gibt eine Realität (Wahrheit), die unabhängig von unseren Beschreibungen, unserem Denken und unseren Wünschen, ewig und unwandelbar - sozusagen: in Stein gehauen - ist.

 

 

Philosophen in Athen

Philosophen in Athen

Dieses steinerne Fundament wird unbefragt vorausgesetzt und der Rest ist dann nur noch eine Frage der wahren Erkenntnis, also weiterer Unterscheidungen, die von der Realitätshypothese abhängig sind.

Damit sind die Fronten neu geklärt und das Gemetzel kann weitergehen. Sicher, die Waffen wurden immer wieder verfeinert und geschärft. Das Christentum wechselte im Mittelalter vom Idealismus zum Realismus, William von Okkham erfand den Nominalismus, Charles S. Peirce den Pragmatismus, Karl R. Popper den kritischen Rationalismus, Hegel fügte der Unterscheidung die Relation zwischen den beiden Seiten der Unterscheidung als "Aufhebung" hinzu, Luhmann stellte von der Hegelschen Identität von Identität-Differenz auf Differenz von Identität-Differenz um, und die Postmoderne ließ beide Seiten der Unterscheidung auf eine Seite zusammenschnurren oder versuchte gar auf ihre Wurzel als "différance" zurückzugehen. Aber das sind alles Petitessen, die an den grundlegenden Unterscheidungen und damit der Notwendigkeit sich ausschließender Positionen nichts ändern.

Das Denken in Zwei-Seiten Unterscheidungen, von denen die eine Seite wahr und die andere Seite falsch ist, wurde zum ausnahmslos herrschenden Denkstil. Weitere Unterscheidungen a la Liberal-Konservativ, Sozialismus-Kapitalismus, Feminismus-Patriachismus rasteten in diesen Denkstil ein, bescherten uns die zukunftlose Malaise der Moderne.

Natürlich können wir auf Unterscheidungen nicht verzichten. Wir müssen 'mein Körper'-'nicht mein Körper'  unterscheiden, da andernfalls die Gefahr besteht, dass wir statt des Apfels (nicht mein Körper) uns selbst (mein Körper) aufessen. Beim Geschlechtsverkehr wären erhebliche Irritationen zu erwarten, wenn wir nicht Mann-Frau unterschieden. Aber wir müssen Unterscheidungen nicht statisch-positional im Raster von Wahr-Falsch oder Erscheinung-Realität benutzen. Wird eine Seite einer Unterscheidung als wahr und die andere als falsch kategorisiert, wird die Unterscheidung steinern und  polemogen (kriegserzeugend), eine Killer-Unterscheidung. Die zwangsläufige Folge ist der Wahrheitsterrorismus.

Der angeblich so menschenfreundliche moderne Humanismus fragt: "Glaubst du noch oder denkst du schon?". Das basiert auf der Killer-Unterscheidung Glauben-Wissen. Wir könnten das weiterführen: Denkst du noch oder spielst du schon? Wir tun das nicht. Es ist uninteressant.

Wir benutzen Unterscheidungen stattdessen operativ, d.h. als Werkzeuge. Es geht nicht um Wahr-Falsch, sondern um Nützlichkeit für einen bestimmten Zweck. Ein Werkzeug ist brauchbar oder unbrauchbar und von mehreren brauchbaren Werkzeugen kann jedes mehr oder weniger brauchbar sein. Damit treten wir vom Äon des Steins in das Äon der Werkzeuge ein: "Erfolg ist dein Beweis!" Beispiele:

 

  • Religiöser Glaube ist für manche Menschen das Werkzeug, um ihrem Leben Sinn zu geben. Technik ist für diesen Zweck nutzlos.
  • Wissenschaft und Technik sind erfolgreiche Werkzeuge, um Autos zu bauen. Glauben ist für diesen Zweck nutzlos.
  • Um kreative Problemlösungen zu finden, ist Spielen erfolgreicher als Glauben oder Technik.

 

Ayn Rand, Wer ist John Galt?

Ein Werkzeug, um
leben zu lernen

Glauben, Denken, Spielen - Werkzeuge für verschiedene Zwecke. Jedes dieser Werkzeuge wird zu einer tödlichen Waffe, wenn man es als Wahrheit missbraucht.

Bei der Unterscheidung Homosexualität-Heterosexualität ist nicht die eine Seite 'natürlich' und die andere Seite 'pervers', sondern die eine Seite ist zum Kinderkriegen brauchbar, die andere nicht, aber für sexuelle Befriedigung sind beide Seiten brauchbar - welche mehr und welche weniger, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Missbraucht man diese Unterscheidung, um eine Wahrheit zu statuieren, sind Scheiterhaufen die Konsequenz.

Welchen Nutzen haben Fragen wie "Subjektiv oder Objektiv?", "Gefunden oder erfunden?", "Real oder sozial konstruiert?", "Natürlich oder pervers?". Keinen! Solche Fragen sind witzlos, denn es macht praktisch (!) keinen Unterschied, wie sie beantwortet werden. Der Kühlschrank macht einen praktischen Unterschied, er ist nützlich. Punkt!

Was ist mit der Frage nach dem "Seelenheil" oder dem "Sinn des Lebens"? Wenn diese Fragen wichtig sind, dann müsste man mit Antworten noch viel sorgfältiger sein, als bei Antworten nach dem Nutzen eines Kühlschranks. Was ist denn das "Seelenheil" oder der "Sinn des Lebens" anderes als ein Nutzen, den wir anstreben? Das Äon des Werkzeugs wird auch für diese Fragen neue Antworten finden müssen. Nützliche Antworten, keine Wahrheiten.

Die Umstellung von Killer-Unterscheidungen auf den operativen Unterscheidungsgebrauch beendet die Steinzeit des Denkens und Erkennens. Das hat einige Konsequenzen, mit denen wir uns im folgenden beschäftigen werden.

 

Ende mit der Steinzeit des Denkens.
Killer-Unterscheidungen sind uninteressant.
Wahr-Falsch ist weder wahr noch falsch, sondern uninteressant.
Wir erspielen uns neu.

Kommentare

Überzeugend, kurz und knapp auf den Punkt gebracht: Schluß mit den Killerunterscheidungen, dem schwarz / weiß, mit dem wir uns gegenseitig und ... 

uns selbst kaputt machen, das Leben vermiesen, unmöglich machen.

Besonders angesprochen hat mich folgender Satz:

 

Glauben, Denken, Spielen - Werkzeuge für verschiedene Zwecke. Jedes dieser Werkzeuge wird zu einer tödlichen Waffe, wenn man es als Wahrheit mißbraucht.

 

Angela

Spielen ist das ganze Geheimnis.