Der Untergang der "wahren Welt"

Die Killerunterscheidungen teilen die Welt in ein unerkennbares Jenseits und ein wahrnehmbares Diesseits. Ersteres wird "Wahrheit" oder "Sein", letzteres "Schein" oder "Erscheinung" genannt. Verweigert man die Teilnahme am Kampf der Killerunterscheidungen, sind Sein und Schein, die wahre und die scheinbare Welt - dasselbe. There is no difference.

Man könnte denken, dass das Fragen sind, die unser normales Leben nicht im geringsten betreffen. Wann streiten wir uns im Alltagsleben schon mal über Wahrheit oder Erscheinung? Wir verlassen uns auf unsere Wahrnehmungen und Erfahrungen. Damit kommen wir gewöhnlich bestens durchs Leben.

Die Relevanz dieser Fragen für den Normalmenschen wird vielleicht deutlich, wenn wir an die Religion denken. Religionen leben von der Unterscheidung Immanent (diesseitige, scheinbare Alltagswelt) und Transzendent (das Jenseits, die Ewigkeit, das Wahre und das Göttliche). Die letzten 2000 Jahre der Geschichte Europas wurden vom Christentum bestimmt, also von einer Religion, die auf dieser Unterscheidung basiert. Das Christentum bestimmte das alltägliche Leben der Menschen durch Moralgebote, Kirchgang, Scheiterhaufen usw.

Auch wenn wir selbst keine Killerunterscheidungen machen, die Welt wurde jahrtausendelang von Menschen beherrscht, die sich auf diese Unterscheidungen stützen. Daran hat sich wenig geändert. Der moderne islamische Terrorismus genauso wie der 'Anti'-Terror-Krieg der Bush-Regierung basieren auf den gleichen Killerunterscheidungen wie Faschismus, Kommunismus und die Ausrottung der Heiden durch die Christen in der Antike.

Die Killerunterscheidungen bestimmen unbemerkt unser gesamtes Leben, weil sie sich in der Sprache, den sozialen Gewohnheiten und der Art unseres Denkens fest eingenistet haben. Wenn wir die Herrschaft der Killerunterscheidungen über unser Leben nicht mehr zulassen wollen, müssen wir sie erkennen, bloßstellen und Alternativen schaffen. Das ist es, was wir hier tun!

Friedrich Wilhelm Nietzsche (* 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen; † 25. August 1900 in Weimar, deutscher Philosoph und klassischer Philologe) beschreibt die Geschichte der "wahren Welt" in seinem Buch "Götzen-Dämmerung" (1889):

 

Wie die „wahre Welt” endlich zur Fabel wurde.

Geschichte eines Irrthums.

  1. Die wahre Welt erreichbar für den Weisen, den Frommen, den Tugendhaften, — er lebt in ihr, er ist sie.
    (Älteste Form der Idee, relativ klug, simpel, überzeugend. Umschreibung des Satzes „ich, Plato, bin die Wahrheit.”)
  1. Die wahre Welt, unerreichbar für jetzt, aber versprochen für den Weisen, den Frommen, den Tugendhaften ("für den Sünder, der Busse thut").
    (Fortschritt der Idee: sie wird feiner, verfänglicher, unfasslicher, — sie wird Weib, sie wird christlich ... )
  1. Die wahre Welt, unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar, aber schon als gedacht ein Trost, eine Verpflichtung, ein Imperativ.
    (Die alte Sonne im Grunde, aber durch Nebel und Skepsis hindurch; die Idee sublim geworden, bleich, nordisch, königsbergisch.)
  1. Die wahre Welt — unerreichbar? jedenfalls unerreicht. Und als unerreicht auch unbekannt. Folglich auch nicht tröstend, erlösend, verpflichtend: wozu könnte uns etwas Unbekanntes verpflichten? ...
    (Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei des Positivismus.)
  1. Die „wahre Welt” — eine Idee, die zu Nichts mehr nütz ist, nicht einmal mehr verpflichtend, — eine unnütz, eine überflüssig gewordene Idee, folglich eine widerlegte Idee: schaffen wir sie ab!
    (Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens und der Heiterkeit; Schamröthe Plato's; Teufelslärm aller freien Geister.)
  1. Die wahre Welt haben wir abgeschafft: welche Welt blieb übrig? die scheinbare vielleicht? ... Aber nein! mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft!
    (Mittag; Augenblick des kürzesten Schattens; Ende des längsten Irrthums; Höhepunkt der Menschheit; INCIPIT ZARATHUSTRA.)

 

Was Nietzsche uns unterschlägt sind die Argumente gegen die "wahre Welt": warum sie den Menschen abhanden kam. Die Wurzeln dieses 'Verlustes' liegen tief in der Vergangenheit, bei den antiken Skeptikern. Ihre Argumente fasste der Arzt und Philosoph Sextus Empiricus im 2. Jahrhundert n. Chr. in seinem Werk "Grundriß der Pyrrhonischen Skepsis" zusammen (Zitert nach "Sextus Empiricus: Grundriß der pyrrhonischen Skepsis"; Suhrkamp. Hervorhebungen, Listen und "[ ]" von MDE):

 

15. Die fünf Tropen

Die jüngeren Skeptiker überliefern fünf Tropen der Zurückhaltung [in Wahrheitsfragen], und zwar folgende:

  • als ersten den aus dem Widerstreit,
  • als zweiten den des unendlichen Regresses,
  • als dritten den aus der Relativität,
  • als vierten den der Voraussetzung,
  • als fünften den der Diallele. [Zirkeldefinition, in der das zu Definierende vorkommt oder die dieses voraussetzt.]

Der Tropus aus dem Widerstreit besagt, daß wir über den vorgelegten Gegenstand einen unentscheidbaren Zwiespalt sowohl im Leben als auch unter den Philosophen vorfinden, dessentwegen wir unfähig sind, etwas zu wählen oder abzulehnen, und daher in die Zurückhaltung münden. [Es gibt zu allem verschiedene Meinungen und keine Möglichkeit zu entscheiden, wer Recht hat.]

Mit dem Tropus des unendlichen Regresses sagen wir, daß das zur Bestätigung des fraglichen Gegenstandes Angeführte wieder einer anderen Bestätigung bedürfe und diese wiederum einer anderen und so ins Unendliche, so daß die Zurückhaltung folge, da wir nicht wissen, wo wir mit der Begründung beginnen sollen. [Man kann auf jeder Antwort wieder fragen: Warum?]

Beim Tropus aus der Relativität erscheint zwar der Gegenstand, wie oben schon gesagt, so oder so, bezogen auf die urteilende Instanz und das Mitangeschaute, wie er aber seiner Natur nach beschaffen ist, darüber halten wir uns zurück. [Alles erscheint in verschiedenen Zusammenhängen verschieden, nie kann man wissen, wie etwas 'an sich', also außerhalb von Zusammenhängen, in Wahrheit ist.]

Um den Tropus aus der Voraussetzung handelt es sich, wenn die Dogmatiker, in den unendlichen Regreß geraten, mit irgend etwas beginnen, das sie nicht begründen, sondern einfach und unbewiesen durch Zugeständnis anzunehmen fordern. [Es wird willkürlich eine Grenze gesetzt wo nicht mehr weiter gefragt werden darf.]

Der Tropus der Diallele schließlich entsteht, wenn dasjenige, das den fraglichen Gegenstand stützen soll, selbst der Bestätigung durch den fraglichen Gegenstand bedarf. Da wir hier keines zur Begründung des anderen verwenden können, halten wir uns über beide zurück. [Es wird vorausgesetzt, was bewiesen werden soll: A ist B und B ist C, denn A ist C.]

11. Das Kriterium der Skepsis

Daß wir uns an die Erscheinungen halten, ist klar aus unseren Aussagen über das Kriterium der skeptischen Schule. "Kriterium" heißt ... das Kriterium des Handelns, an das wir uns im Leben halten, wenn wir das eine tun und das andere lassen. Von diesem spreche ich hier.

  • Wir sagen nun, das Kriterium der skeptischen Schule sei das Erscheinende, wobei wir dem Sinne nach die Vorstellung [Wahrnehmung] so nennen; denn da sie in einem Erleiden und einem unwillkürlichen Erlebnis liegt, ist sie fraglos. Deshalb wird niemand vielleicht zweifeln, ob der zugrundeliegende Gegenstand so oder so erscheint. Ob er dagegen so ist, wie er erscheint, wird infrage gestellt.
    [Hier sehen wir, wie die Skeptiker die Killerunterscheidung Schein-Sein einerseits akzeptieren, aber andererseits zurückweisen, weil die "wahre Welt" als unerkennbar zurückgewiesen wird.]
  • Wir halten uns also an die Erscheinungen und leben undogmatisch nach der alltäglichen Lebenserfahrung, da wir gänzlich untätig nicht sein können. Diese alltägliche Lebenserfahrung scheint vierteilig zu sein und teils aus Vorzeichnung der Natur, teils aus Erlebniszwang, teils aus Überlieferung von Gesetzen und Sitten, teils aus Unterweisung in Techniken dazu bestehen.
    • Und zwar aus natürlicher Vorzeichnung, sofern wir von Natur aus die Fähigkeit besitzen, sinnlich wahrzunehmen und zu denken;
    • aus Erlebniszwang, sofern uns Hunger zur Nahrung, Durst zum Getränk führt;
    • aus Überlieferung von Sitten und Gesetzen, sofern wir es für das alltägliche Leben so übernehmen, daß wir die Gottesfurcht als ein Gut, die Gottlosigkeit als ein Übel betrachten;
    • aus Unterweisung in Techniken schließlich, sofern wir nicht untätig sind in den Techniken, die wir übernehmen. Dieses alles meinen wir jedoch undogmatisch.

 

Die antike Skepsis suchte nach einem Zustand des Seelenfriedens (Ataraxia; Apathie). Die Argumente gegen jeden Dogmatismus und Fundamentalismus sollten die Ungestörtheit und "Meeresstille der Seele" fördern. Da die "wahre Welt" unbekannt blieb, wussten die antiken Skeptiker nicht, wonach sie streben sollten. Also passten sie sich den Sitten und Gewohnheiten der Gesellschaft an, glaubten an die Götter und strebten darüberhinaus nach Gemütsruhe.

Die Götter, an welchen die Skeptiker noch nicht zu rütteln wagten, reduzierten sich mit dem Christentum auf den "einen, wahren Gott" - und diesem machte Immanuel Kant (* 22. April 1724 in Königsberg; † 12. Februar 1804 ebenda), einer der bedeutendsten Philosophen der Neuzeit, den Garaus. Kant zertrümmerte alle Gottesbeweise, wies aber dem Gottesglauben noch eine moralische Notwendigkeit zu. Aber ein Gott, an den man nur deshalb glauben soll, weil sonst die Moral ihren Grund verliert, ist nicht mehr besonders glaubwürdig.

Nietzsche ging folgerichtig einen Schritt weiter, indem er mit der Wahrheit auch Gott abschaffte. Im Aphorismus 125 aus der Fröhlichen Wissenschaft mit dem Titel "Der tolle Mensch". schreibt er (Hervorhebungen, Listen, Absätze und "[ ]" von MDE):

 

Der tolle Mensch

125.

Der tolle Mensch. — Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "ich suche Gott! Ich suche Gott!" —

Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? — so schrieen und lachten sie durcheinander.

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. "Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, — ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch Nichts von dem Lärm der Todengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch Nichts von der göttlichen Verwesung? — auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getötet!

Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet, — wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat, — und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!" —

Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. "Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert, — es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, — und doch haben sie dieselbe getan!" —

Man erzählt noch, dass der tolle Mensch des selbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: "Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?" —

 

Nietzsche entwickelte aus diesen Gedanken heraus später die Idee des "Übermenschen", wie sie vor allem im Zarathustra dargestellt wird: "Tot sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch lebe." Wir müssen das hier nicht weiter verfolgen. Weder die Seelenruhe der Skeptiker noch Nietzsches Übermensch entsprechen, wie später gezeigt wird, einem Leben des Menschen als Mensch.

Der heutige Stand der Diskussion wird in der Wikipedia unter dem Stichwort "Postmoderne"  wie folgt zusammengefasst (Hervorhebungen von MDE):

 

Elemente postmodernen Denkens und Urteilens sind:

  • Absage an das seit der Aufklärung betonte Primat der Vernunft (ratio) und die Zweckrationalität (die bereits in der Moderne erschüttert wurden)
  • Verlust des autonomen Subjekts als rational agierender Einheit
  • Neue Hinwendung zu Aspekten der menschlichen Affektivität und Emotionalität
  • Ablehnung oder kritische Hinterfragung eines universalen Wahrheitsanspruchs im Bereich philosophischer und religiöser Auffassungen und Systeme (sog. Metaerzählungen oder Mythen wie Moral, Geschichte, Gott, Ideologie, Utopie oder Religion, aber auch, insofern sie einen Wahrheits- oder Universalitätsanspruch trägt, Wissenschaft)
  • Verlust traditioneller Bindungen, von Solidarität und eines allgemeinen Gemeinschaftsgefühls
  • Sektoralisierung des gesellschaftlichen Lebens in eine Vielzahl von Gruppen und Individuen mit einander widersprechenden Denk- und Verhaltensweisen
  • Toleranz, Freiheit und radikale Pluralität in Gesellschaft, Kunst und Kultur
  • Dekonstruktion, Sampling, Mixing von Codes als (neue) Kulturtechniken
  • Zunehmende Zeichenhaftigkeit der Welt (siehe auch Semiotisches Dreieck u. Baudrillard)
  • Feminismus und Multikulturalismus

 

Eine typisch postmoderne Stimmung formuliert Gianni Vattimo (* 4. Januar 1936 in Turin, postmoderner italienischer Philosoph, Autor und Politiker.) in "polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren":

Vattimo: "Ich denke, das christliche Abendland sollte wirklich Abendland werden, in jenem Sinn, in dem Heidegger von 'Abendland' spricht, also als Land, das sich darauf einlässt unterzugehen. Das gilt auch für das Christentum: Es scheint mir dazu bestimmt unterzugehen, sich aufzulösen, um nicht zu sterben."

Den gegenwärtigen Schlusspunkt der Wahrheitsdebatten mit Killerunterscheidungen scheint mir der Philosoph Josef Mitterer (* 1948 in Westendorf) mit seinen Büchern "Das Jenseits der Philosophie" (Wien, 1992) und "Die Flucht aus der Beliebigkeit" (Frankfurt / M., 2001) gesetzt zu haben.

Mitterer schlägt vor, den Begriff der Wahrheit abzuschaffen. Zur Begründung zeigt er, wie der Begriff der Wahrheit eingesetzt und was mit ihm bezweckt wird. Wer Wahrheit behauptet, bewegt sich unvermeidlich im Rahmen seiner selbstgesetzten Voraussetzungen. Der Rückgriff auf eine im Jenseits der Erkenntnis liegenden "wahren Welt" ist nur eine Illusion - und der Versuch, den eigenen Standpunkt unangreifbar zu machen.

Genau das ist es, was wir Killerunterscheidungen nannten: die Illusion der Unterscheidung zwischen der von uns erkannten scheinbaren und der "wahren Welt".

Mitterers Alternative lautet:

  • auf alle Killerunterscheidungen der Art "scheinbare Welt" - "wahre Welt" verzichten und
  • unsere Beschreibungen nicht auf Objekte (die Wirklichkeit, die Welt) beziehen, sondern von Objekten ausgehen.

Die Objekte sind demzufolge die bislang erfolgten Beschreibungen. Mitterer nennt sie Beschreibungen "so far" (bisher). Eine neue Beschreibung eines Objekts ändert das Objekt der Beschreibung "so far" zu einem geänderten Objekt der Beschreibung "from now on" (ab jetzt). Beschreibungen "so far" scheitern also nicht an der "wahren Welt", sondern an anderen Beschreibungen.

So weit so gut, aber: sollen Beschreibungen und Argumente nicht in Beliebigkeit versinken, muss die Frage beantwortet werden, nach welchen Kriterien Beschreibungen "so far" durch Beschreibungen "from now on" zu ändern sind. Wir stehen dabei vor dem Problem, dass mit der Verabschiedung der Killerunterscheidungen alle Kriterien und Begründungsmöglichkeiten der letzten 2.500 Jahre unmöglich geworden sind. Weder die "wahre Welt", noch die philosophische Vernunft, noch irgendeine Offenbarung stehen noch als Kriterium zur Verfügung.

Wir können an die alten Kriterien nicht einmal anknüpfen. Wir brauchen keine neuen Kriterien, sondern qualitativ (oder kategorial) andere Kriterien.

Erste Ansätze zu anderen Kriterien bieten:

  • die amerikanischen Pragmatiker: der Erfinder des Pragmatismus Charles S. Peirce, der Popularisierer des Pragmatismus William James und insbesondere der Neopragmatiker Richard Rorty.
  • der Objektivismus von Ayn Rand (eigentlich Alissa Sinowjewna Rosenbaum, * 20. Januar/2. Februar 1905 in Sankt Petersburg, Russland; † 6. März 1982 in New York City, US-amerikanische Schriftstellerin und Philosophin), einer entschiedenen Gegnerin des Pragmatismus.
  • die "Allgemeine Theorie von Leben und Verhalten lebender Organismen" von Elliott Jaques (* 18. Januar 1917, † 8. März 2003, kanadischer Psychologe), der u.a. 1965 das Konzept der "mid-life crisis" einführte.

Die Antworten, welche von den Genannten angeboten werden, sind einerseits recht ähnlich, sehr praktisch an Erleben und Handeln orientiert, andererseits in den Einzelheiten dennoch wesentlich verschieden. Das beruht darauf, dass sie zwar alle keine Killerunterscheidungen verwenden, dennoch sehr verschiedene Wege gehen - aber diese philosophischen Feinheiten werde ich hier nicht vertiefen.

  • Die Antwort der Pragmatisten lautet: Nutzen. Die Beschreibung, welche in Bezug auf die Realisierung eines Ziels effizienter oder effektiver ist als eine andere Beschreibung, ist vorzuziehen.
  • Die Antwort des Objektivismus lautet: die vernünftigere Beschreibung, d.h. die Beschreibung, die ein blühendes Leben mehr fördert, ist vorzuziehen.
  • Die Antwort von Elliott Jaques lautet: Time-Frame. Die Beschreibung, welche langfristigere Vorhersagen erlaubt ist vorzuziehen (das ist etwas verkürzt, aber wir behandeln das Thema weiter unten ausführlicher).

Damit haben wir alle Voraussetzungen zusammen, um das Konzept einer anderen Welt zu erschaffen:

Scheinbare Welt = wahre Welt.
Vernünftige Argumente sind vorzuziehen.
Vernunft ist, was langfristig dem blühenden Leben nutzt.

Nebenbei bemerkt:
Der gesunde Menschenverstand hat das schon immer gewusst.

Kommentare

Ein guter Artikel, der sich mit der 11 (!). These über Feuerbach kommentieren lässt. Was nützt es, der Gretchenfrage, wie wirklich denn die Wirklichkeit sei nachzugehen, wenn sich keine Antworten finden lassen? Was am Ende der Höhle ist, vermag keiner zu bestimmen. Aber schließlich sind wir in ihr gefangen. Und gerade weil wir in ihr wirken und handeln, ist sie unsere Wirklichkeit.

 

"Thou shalt study with Diligence in the mathematics, because thereby shall be revealed unto thee the Laws of thine own Reason and the Limitations thereof." (AC: Liber Aleph)