Die christliche Opfermoral, Selbstlosigkeit oder Altruismus

Weil die christliche Opfermoral immer noch in hohem Ansehen steht, müssen wir sie etwas eingehender behandeln. Opfermoral verlangt nicht nur, dass man zu anderen Menschen nett ist oder mal etwas für sie tut, sondern sie verlangt Selbstlosigkeit und Selbstopfer: Anderen etwas geben auf Kosten der eigenen Lebenswerte und -möglichkeiten. Opfermoral sagt: Ein Geben, welches kein Opfer ist, ist nicht moralisch. Wer eine Gegenleistung verlangt, ist ein Händler oder sogar ein Profiteur: Er handelt nicht moralisch.

Die Vertreter der Opfermoral wollen uns ein Dilemma einreden: Entweder du opferst dich oder du opferst andere. Tertium non datur (kein Drittes). Wir erlauben uns, Alternativen zu sehen.

Win-Win-Moral ist eine Moral, die prinzipiell jedes Opfer ablehnt: Sowohl das Selbstopfer als auch das Opfern anderer Menschen. Moralisch handeln heißt: Wir kümmern uns um uns selbst, um unsere eigenen Lebenswerte und -möglichkeiten und opfern weder uns selbst noch andere Menschen. Nicht-Opfern besagt, dass wir niemals größere Werte für geringere Werte aufgeben. Beim Opfern verlieren beide Seiten Lebenswerte. Der Opfernde, weil er gibt, der Beopferte, weil er das Erhaltene nicht verdient hat.

Dennoch ist es eine normale Angelegenheit, dass wir geringere Werte für größere Werte eintauschen. Das geschieht von allen Beteiligten freiwillig und ist kein Opfer, sondern ein Gewinn. Was heißt denn höherer oder geringerer Wert? Es gibt keine absoluten Werte. Menschen schreiben sich, Dingen, anderen Menschen oder Handlungen Werte zu, je nachdem, wie wichtig sie ihnen sind.

Wenn ein Stück Land, ein Produkt, ein Rohstoff oder eine Dienstleistung mir mehr wert ist, als einem anderen Menschen, der genau das geben kann, dann werden wir, wenn wir vernünftig handeln, beide einen Gewinn machen: Ich gebe weniger, als es mir wert ist, und du erhältst mehr, als es dir wert ist. Wir nennen das eine Win-Win-Situation - und an anderen Geschäften sind wir nicht interessiert. Warum? Nur wenn wir beide gewinnen (Win-Win), werden mein Wohlstand und meine Lebenswerte langfristig und dauerhaft maximiert. Win-Win ist purer Egoismus!

Natürlich kann man Werte verschenken, aber das geschieht freiwillig und nicht aus moralischer Verpflichtung. Schenken ist kein Opfer, sondern eine Gabe aus der Überfülle des eigenen Lebens an ein anderes Leben, welches man eben wegen der Fülle seiner Lebenswerte beschenkt, weil man es bewundert Einem Bettler kann man nichts schenken, nur Almosen geben. Almosen sind kein Geschenk, sondern eine Beleidigung.

Um ein wertvolles Leben zu leben, muss man Werte erschaffen und bewahren. Wer Werte verschleudert, kann kein wertvolles Leben leben. Deshalb lebt ein Mensch, der Werte schafft und ansammelt und sich weigert, Werte zu opfern, moralisch. Tut er das nicht, lebt er unmoralisch: Wertlos. Wer Werte erschafft und diese mit anderen so austauscht, dass er dabei einen Gewinn erzielt, sei der Gewinn materiell oder geistig, handelt moralisch. Wer Werte ohne Gewinn oder sogar mit Verlust (Opfer) weggibt, handelt unmoralisch, weil er seine Lebenswerte und -möglichkeiten mindert.

Wenn ein Programmierer eine Software erstellt und mit Gewinn verkauft, handelt er moralisch. Wenn jemand diese Software schwarz kopiert und nicht bezahlt, handelt er unmoralisch. Die Raubtiermoral des Schwarzkopierers zwingt dem Programmierer gewaltsam, auch Diebstahl und Betrug ist Gewalt, Opfer auf. Wenn mir eine Ware zu teuer ist, kaufe ich sie nicht. Aber niemand hat das Recht zu stehlen, zu betrügen oder Opfer zu verlangen.

Eltern, denen die Erziehung ihres Kindes wertvoller ist, als ein neues Auto, handeln moralisch, wenn sie erst die Erziehung bezahlen (sei es mit Geld, Zeit oder Zuwendung), bevor sie das Auto kaufen. Wenn sie erst das Auto kaufen, zeigen sie damit, dass ihnen das Auto mehr wert ist, als die Erziehung ihres Kindes. Ob das Auto oder das Kind mehr wert ist, entscheiden die Eltern nach ihren Lebenswerten.

Aber haben Kinder nicht Rechte an ihre Eltern? Haben sie nicht das Recht auf Liebe, Zuwendung, Ernährung und Opfer? Nein! Niemand hat ein Recht auf Opfer! Kinder brauchen Liebe - aber Liebe kann nur freiwillig gegeben, nur geschenkt, nicht gefordert werden, geschweige denn, als Opfer gefordert werden. Schon daran zeigt sich, wie erbärmlich die Liebe der Opfermoral ist.

Man sagt gewöhnlich, dass man nicht nur entweder schwarz oder weiß sehen sollte, es gäbe Mittelwege. Aber hier gibt es keinen Mittelweg. Entweder man tauscht Werte, um Gewinne zu erzielen oder man opfert Werte für nichts. Win-Win-Moral fordert ersteres, Opfermoral fordert letzteres.

Win-Win-Moral basiert auf den Lebenswerten und kann deshalb nicht nur widerspruchsfrei gelebt werden, sondern muss gelebt werden, wenn man auch nur überleben will. Aber wir wollen nicht nur überleben, sondern ein selbstbestimmtes Leben mit Wohlstand, Erfolg und Glück. Wie praktisch, dass die Win-Win-Moral beides gibt.

Opfermoral kann hingegen nicht widerspruchsfrei gelebt werden. Schon um überleben zu können, muss man diese Moral betrügen. Man muss z. B. ganz egoistisch - und ohne jede Nächstenliebe - sein Geld für sich selbst ausgeben, um nicht zu verhungern.

Wahlspruch eines Thelemiten:
Ich bin nicht auf der Welt, um so zu sein wie ihr mich haben wollt!