6. Relativierung des eigenen Weltbildes

MDE setzte sich mit dem  Themenfeld "Das verstehende Gespräch" auseinander. Die beste Würdigung besteht darin, an diesem Punkt weiterzuarbeiten. Dies werde ich jetzt tun.

Die Sprache gilt als Abbild des Denkens. Und im Denken verarbeitet der Mensch das, was er wahrnimmt. Das, was der Mensch wahrnimmt, nimmt er auch für wahr. Bei der Betrachtung der Umwelt formt sich seine Weltsicht, das im Begriff seinen Ausdruck findet. Die Weltsicht ist bloß eine visuelle Betrachtung der Erscheinungen; aus ihr formt sich noch kein Weltbild.

Unter einem Weltbild verstehe ich eine Weltsicht, die die Welt "dogmatisch" auffasst. (Den Begriff "Dogma" will ich hier aus seinem christlichen Kontext lösen, um ihn als Synonym für einen gefestigten Lehrsatz zu setzen). Ein Dogma sei in dem Zusammenhang als eine zum Axiom verklärte psychische Wahr-Nehmung. Unter einem Axiom versteht man eine Tatsache, die unzweifelhaft in den Raum geworfen wird.

Das System der Mathematik beruht beispielsweise auf unzweifelhaften Tatsachen. Ohne Beweis der Annahme setzen wir, dass 0 = 1 ist und dass "Widerspruchsfreiheit die Richtschnur des Wahren" (Hegel) ist. Doch wir wissen, dass dieser axiomatische Zugang auf Konvention, auf gesellschaftlicher Vereinbarung, beruht.    

Da MDE das Spiel- Modell als Gleichnis einer Lebensführung entwickelte, könnte ich den Axiom als feste Spielregel setzen. Das Schachspiel  besteht aus grundsätzlichen Regeln; die verschiedenen Züge lassen sich aus ihnen herleiten.

Wenn ein Kommunist, ein Christ, ein Islamist und ein Demokrat zusammentreffen, dann ist eine Feindschaft schon vorprogrammiert, weil jeder sein Dogma zur allgemeingültigen Norm verklärt. Sagt der radikale Christ: "Gott ist", so ergeben sich für ihn folgende Herleitungen: Der Mensch ordnet sich unter; er kommt ins Paradies, muss somit Buße tun. Das Missionarsgebot beinhaltet für ihn,  Ungläubige zu bekehren; sagt der Islamist: "Allah ist" und er  legt den Koran wörtlich aus, so heißt es für ihn, den Dschihad gegen die Ungläubigen zu führen. Ein Kommunist sagt: "Klassenkampf ist." Religion ist für ihn reaktionär, so leiten sich daraus die verschiedenen Folgerungen her.

Das Problem in solchen Situationen besteht darin, ein verstehendes Gespräch zu führen. Das in sich geschlossene Denken beruht auf Axiomen, in dem das andere nur insofern angenommen werden kann, inwieweit es mit den Axiomen übereinstimmt.

Hieraus ergeben sich für Leute, die ein verstehendes Gespräch führen wollen, folgende Möglichkeiten, um dogmatische Gespräche zu relativieren:

- Konjunktive verwenden: Wer "Gott sei nicht" anstatt von "Gott ist nicht" sagt, der verdeutlicht, dass er von seinem eigenen Modell ausgeht. In ihm liegt zugleich die Möglichkeit, sein eigenes Weltbild dynamisch zu gestalten.

- Persönliche Ansätze hervorheben: Wenn man betont, dass man seine eigene Meinung hat, so bewirkt man das ähnliche, als wenn man Konjunktive verwendet.

- Axiomatische Setzungen vermeiden: Wenn man sagt "Gott ist", so verklärt man seine Sicht zur Norm. Man setzt eine Aussage, die unzweifelhaft ist (und somit auch für den anderen Gültigkeit hat). Oft besteht auch die Gefahr der Eingleisigkeit, weil andere Faktoren ausgeblendet werden. 

Die ersten beiden Formen unterscheiden sich dadurch von der letzteren, dass sie in Relation (in Beziehung) zu sich selbst stehen, während letztere "absolute Wahrheiten" ausdrückt.

Sollte man das Unglück haben, an einen notorischen Rechthaber zu geraten, so gibt es auch wieder einige Möglichkeiten:

- Relativierung von Axiomen des Gegenüber - Verdeutliche, dass eine Aussage wie "Gott ist" lediglich dessen psychische, jedoch keine physische Wahrheit ist. Es spiegelt lediglich sein Weltbild wieder.

- Persönlicher (verbaler) Angriff: Sollte er versuchen, Dich in Deiner Sicht auf die Welt zu manipulieren - wenn er Dich z.B. zu bekehren versucht - , so mache ihm klar, dass es seinerseits unhöflich und einmischend ist.

- Schweigen - Sollte er es weiter versuchen, so lass ihn einfach' reden. ;-)

- Gespräch abbrechen - Solltest Du merken, dass sich Dein Gegenüber nicht an die Spielregeln des Gesprächs hält, sprich er nicht bereit ist, auf der Ebene des "verstehenden Gesprächs" mit Dir zu kommunizieren, so breche das Gespräch ab. Es bringt dann echt nichts.

Solltest Du dich in einer ungewöhnlichen Situation befinden, dass man Dir mit Gewalt eine Meinung aufdringen möchte, z.B. wenn Dir in Berlin - Hellersdorf Ronnys und Enricos begegnen oder ein Islamist nicht so ganz Deine Meinung teilt, dann fühle Dich einfach an die Ethik des Liber OZ erinnert. ;-)

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