Bildungsmisère - Das leidige Thema Geld
Seit dem Jahr 2000 wissen wir es: Das Industrieland Deutschland gehört zu den Ländern, die hinsichtlich der Bildung Defizite aufweisen. Mit PISA verbindet man nicht mehr den berühmten italienischen Turm, sondern die schief gelaufene Bildungspolitik. Es steht neben Rütli als Synonym für die Misère in den deutschen Landen.
Sogleich liefen selbsternannte Reformpädagogen Sturm. Jeder, der etwas auf sich hielt, entwickelte eine neue "Theorie", um das Bildungssystem gänzlich zu renovieren. Dass Schüler keine pädagogischen Versuchskarnickel sind, keine aus Lebenshilferatgebern abgepausten Lebewesen, sollte unschwer klar sein. Das (altbewehrte) Drei-Stufen-System stellt man in Frage, um statt dessen ein unsägliches Gesamtschul- System zu setzen. Um antiquierte Weltrevolutionsfantasien von Alt-68ern zu stillen, wird vermehrt nach Ausbau nach der sozialdemokratischen Einheitsschule (Gesamtschule) verlangt, in der jedes nationalökonomische Potential durch die Präsenz von Dummen zunicht gemacht wird. Es werden neue Konzepte von Waldorfkuschelpädagogik bis hin zur Karlsschule- Erziehung dargelegt, ohne wahrlich einige Probleme beim Namen zu nennen. Ich erlaube mir die Freiheit dies zu tun:
1) B i l d u n g s p r o v i n z i a l i s m u s - Das deutsche Schulsystem befindet sich in der Tradition des Heiligen Römischen Reiches. Jedes Bundesland behauptet für sich die Hoheit über das Schulsystem. Dass die Abiturnote zur dynamischen Ziffer verkommt, die in Greifswald sich verändert, wenn man seine Hochschulreife in Nürnberg bekommen hat, gehört zu den Idiotien und den Ungerechtigkeiten des Schulsystems. Dass der Abschluss etwas gleichwertiges sein sollte, gehört zu den Grundprinzipien der Chancengleichheit.
2) S y s t e m a t i k - ENTSETZEN ergriff mich, als ich ein Lehrbuch für den Deutschunterricht der siebenten Klasse am Gymnasium in die Hand nahm. Während meine Laufbahn damit begann, die "Bürgschaft" bei einem märkischen Landadeligen mit Format auswendig zu lernen, werden Schüler jetzt mit Bilderbüchern überrollt, deren Gestaltung an Internet-Seiten erinnern.
Und wenn dann erklärt wird, wie man eine e-mail schreibt bzw. wie man Gefühle ausdrückt, dann kann man sich nur an den Kopf fassen. Deutschunterricht sollte Deutschunterricht bleiben. Wenn man Schülern etwas über Neue Medien erzählen will, dann soll man die ohnehin schon überzähligen Medienwissenschaftler zu Lehrern auszubilden, um Schüler nach Plan in den Umgang mit Medien einzuweihen.
Der Durchschnittsschüler, der ohnehin schon nolens volens mit den Neuen Medien überrollt wird, wird auch noch in Lehrbüchern mit dem assoziativen mind-map-Stil überrollt, der an die new economy erinnert. Und dies dürfte nur ein Beleg für eine fehlende Systematik sein, der das Schulsystem ausmacht. Statt eine folgerichtigen, sukzessiven Bildungsstrang zu haben, werden häppchenweise Unterrichtseinheiten präsentiert, als wäre Schule keine stufenweise Entwicklung, sondern ein Jahrmarkt, der die unterschiedlichen Bildungsangebote präsentiert. Schaut man sich ein ehrwürdiges Lehrbuch an ("Physik in Übersichten"), dann erkennt man die Überlegenheit. Das ganze erinnert an die Feststellung Umberto Ecos in "Wie man Gebrauchsanweisungen befolgt", der meinte, dass die Gebrauchsanweisung für Dumme eigentlich für Ingenieure gerichtet sei (und umgekehrt). Auf die Idee, dass ein Physik-Buch (und Unterricht!!!), indem hier ein Häppchen Wärmelehre, da ein Häppchen Optik und woanders wiederum ein Häppchen Mechanik erklärt wird, doch Schüler verunsichert und verwirrt, während ein Universitätsbuch (à la Paul Tipler) doch ausführlich die Probleme erklärt, mehr verwirrt als lehrt, fällt sowohl den Schulbuchverlagen als auch den Kultusministern nicht ein.
3) G e l d - Selbst die Umsetzung abstruser "Pilotprojekte" scheitert am leidigen Thema "Geld". Wenn man von Berliner Schulen Schulprogramme verlangt, bei deren Evaluierung sich herausstellt, dass diese aufgrund finanzieller Mängel nicht ausgebaut werden, dann ist dies ein Zeichen für die Misswirtschaft. Und dass die Decke als Damoklesschwert einzustürzen droht, dürfte nicht unbekannt sein. Und wer nach besserer Bildung ruft, der soll auch diese bezahlen. Und da Bildung nicht eine gemeinnützige Infrastruktur ist - warum erhöht man nicht die Erbschaftssteuer? Eigentum verpflichtet!
Doch im ganzen Bürokratenelend kann man echt nur die Stirn runzeln. Und ich freue mich echt auf meine Zukunft, in der ich Matrose auf dem untergehenden Schiff namens "Bildung" bin und das Antidepressiva schon bereit halte.
Ein Lehramtsstudent aus der Menge
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