Unterscheidung: Différance - Eine strukturalistische Annäherung an die Unterscheidung

Es gibt mehrere Ansätze, sich dem Themenkomlex "Beobachtung-Unterscheidung" anzunähern. Einer wurde von MDE bereits aufgegriffen, wobei er sich von der Systemtheorie Luhmanns inspirieren ließ. Ein weiterer stammt aus der (post)strukturalistischen Schule, aus der sich Luhmanns Lehre auch herausentwickelte. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass man die Systemtheorie nicht in ihrer Komplexität erfassen kann, wenn man ihre Vorläufer nicht kennt.

Der Strukturalismus geht auf die Zeichentheorie des französischsprachigen Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure zurück, der von einer natürlichen Diskrepanz zwischen dem Bezeichnenden (Signifikant) und Bezeichnetem (Signifikat) ausgeht. Er vergegenwärtigt die - eigentlich triviale - Beobachtung, dass es eine natürliche Diskrepanz zwischen dem Laut- und dem Vorstellungsbild gibt. Mit dem Klang des Wortes "M-e-n-s-c-h" verbinden wir aufgrund unserer Prägung das zweibeinige Lebewesen. Aber die Betitelung "M-e-n-s-c-h" ist nicht substanziell, sondern willkürlich (arbiträr) gewählt und austauschbar. Sinn (Bedeutung) von etwas ergibt sich erst dadurch, wenn sich der Gedanke im Laut offenbart. Erst im Sprechakt erhält er seine Form. Doch ein Laut kann nicht losgelöst von sich betrachtet werden. Er bestimmt sich aus dem Nicht-Sein des anderen heraus. Durch die Aneinanderreihung von Gedankenfetzen (Signifikanten) entsteht erst das potentiell Sinnergebende.

Eine Steigerung des Strukturalismus besteht im poststrukturalistischen Ansatz. Während sich die Strukturalisten noch in der "naiven" Annahme befänden, es gäbe noch eine mit dem Signifikanten verbundenen Bedeutungsträger, so leugnen die Anhänger der poststrukturalistischen Theorie dies. Bedeutung ergibt sich nur aus der différance eines Bezeichnenden zu anderen und schließlich zu sich selbst. "Différance", ein vom französischen Philosophen geprägtes Kunstwort, hebt die Zweischneidigkeit des Wortes "différer" hervor. Es "meint" zugleich die Unterscheidung etwas von anderen (und schließlich von sich); zugleich meint es die Aufschiebung des Bezeichnenden auf anderen. Nur so entstehe Bedeutung. Die Präsenz eines Vorstellungsbildes wird aber geleugnet. Somit ist das sprachliche System ein Spiel der Differenzen - die Bedeutungsträger bleiben nur als Spur zwischen ihnen, die sobald sie sich unterscheiden, auch wieder aufgehoben und aufgeschoben haben. Daraus folgt, dass man Texte neu lesen sollte. Man achtet dann nicht nur darauf, was sie sagen, sondern auch, was sie nicht sagen. Denn gerade, wo Sinn erzeugt wird (z.B. durch das Setzen des Wortes "G-o-t-t"), entsteht Herrschaft derjenigen, die das Wort zur Norm verklären. Es empfiehlt sich, dass man auch das lesen sollte, was nicht explizit steht, die Betrachtung der anderen Seite.

"Différancieren" bedeutet somit, das Nichtgeschriebene - als Spur anwesende zu lesen. Ein Verfahren dazu ist die von Derrida entwickelte Dekonstruktion. Man konstruiert zunächst einen scheinbaren Sinn, um ihn dann auf seine Sinnlosigkeit zu destruieren. Dies Verfahren ist eine nützliche geistige Waffe gegen die Menschen, die einzelne Worthülsen als Instrumente ihrer Herrschaft verwenden und die mit missionarischem Eifer die Totalität ihrer Wörter durchsetzen wollen.

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