Luhmann beobachtet

Ich habe mich in den letzten Monaten recht intensiv mit der Theorie Sozialer Systeme (LuST = Luhmanns System Theorie) von Niklas Luhmann beschäftigt. Nachdem ich trotz vieler Leserei und intensiver Diskussionen immer wieder schwere Verständnisprobleme hatte, wandte ich mich einer Untersuchung der Grundbegriffe zu. Das Ergebnis war einigermaßen ernüchternd:

  1. Luhmanns Theorie sagt nichts über den beschriebenen Bereich (Gesellschaft), wohl aber etwas über Luhmann und Systeme, die seine Theorie benutzen, (Wissenschaftler, Wissenschaftssystem) aus.
     
    Zitat
    : "Die These des Strukturkonservativimus belehrt uns nicht über die Theorie autopoietischer Systeme, wohl aber über den, der die These aufstellt, also über die Autopoiesis von Firmen und Fortbildungseinrichtungen der Beraterbranche - oder mit Maturana ...: sie sagt nichts über den beschriebenen Bereich, wohl aber etwas über den Beobachter, der eine solche Beschreibung anfertigt und benutzt." (Luhmann, Organisation und Entscheidung, S. 50)
     
    Was Luhmann hier über die Autopoiese von Firmen etc. sagt gilt natürlich für alle autopoietischen Systeme, was durch das Maturana-Zitat bestätigt wird. Man muß sich das wirklich auf der Zunge zergehen lassen: "... sagt nichts über den beschriebenen Bereich ... aus".
     
  2. Beobachten, nach Luhmann "bezeichnen und unterscheiden", bedeutet: Zeichen unterscheiden.
     
    Zitat: "... dass die Sprache als Differenz zwischen verschiedenen Wörtern oder zwischen verschiedenen Aussagen, wenn man es unter Bezug auf Sätze formuliert, gegeben ist und nicht ohne weiteres auch als Differenz zwischen den Wörtern und den Dingen. ... Die Sprache funktioniert, weil sie als Sprache z. B. zwischen dem Wort "Professor" und dem Wort "Student" unterscheiden kann. Ob es zwischen diesen beiden Exemplaren, die so bezeichnet werden, wirklich Unterschiede gibt, spielt dabei keine Rolle. Wir müssen, wenn wir die Sprache verwenden, Professor und Student unterscheiden. ... ob in der Realität solche Differenzen vorhanden sind, kann offen bleiben. ... Für den Verlauf ... einer Kommunikation ist die Differenz innerhalb der Sprache selbst entscheidend. Diese Differenz ist abgekoppelt von dem Problem der Referenz ...". "So benutzt man Sprache in der Annahme, dass die Wörter etwas, was wir nicht so genau wissen, bezeichnen." (Luhmann, Einführung in die Systemtheorie, S. 67, 68 und 76)
     
    Beobachten bedeutet Zeichen unterscheiden - weiter nichts. Die Differenz Be'zeich'nung / Be'zeich'netes ist eine Differenz von Zeichen, die auf nichts außerhalb der Zeichen verweist. Jedes Zeichen ist selbst schon eine Unterscheidung, mit dem Zeichen ist schon unterschieden, es braucht nichts weiteres.
     
    Die Theorie unterscheidet also primär Wörter. Was dabei herauskommt sind oft Diskussionen, die schwer an das scholastische Problem "wieviel Engel können auf einer Nadelspitze tanzen" erinnern. Typisch dafür ist z. B. das Buch von Peter Fuchs "Intervention und Erfahrung". Fuchs weist darin top-down und unter Vernachlässigung jeder Empirie 'eindeutig' nach, daß Intervention aus systemtheoretisch logischen Gründen unmöglich ist - da braucht man dann ja keine Empirie mehr. Was lernen wir daraus? Das ist Wissenschaft, abweichende Erkenntnisse sind Glauben :-)
     
  3. Eine Unterscheidung unterscheidet - weiter nichts und damit ist alles klar.
     

    Zitat: "Die Unterscheidung kann nur selbstimplikativ eingeführt werden, und das wird zum Paradox, wenn man mit dem Unterscheiden beginnt. Denn die Unterscheidung ist eine Form, die ihrerseits eine Innenseite (das Unterschiedene) und eine Außenseite (das Sonstige) unterscheidet." Luhmann, Soziologische Aufklärung 5, S. 84.
     
    Da steht also: Eine Unterscheidung unterscheidet. Tja, wenn das denn Wissenschaft ist.
     
  4. Es geht bei allen Systemoperationen nur um Anschlußfähigkeit - nichts außerdem.
     
    Wie mir scheint, ein sehr wichtiger Punkt. Denken wir z.B. an die wissenschaftlich geforderte Empirie. "Empirie" ist ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, speziell im Wissenschaftssystem, zur Steigerung der Annahmewahrscheinlichkeit von Kommunikation. Vermutlich muß man das irgendwie invisibiliseren, Erwartungserwartungen für Empirie einbauen und braucht Organisationen (z. B. Univerwaltungen, Berufungskommissionen), die auf diesbezügliche Erwartungsenttäuschungen normativ reagieren, damit Empirie 'glaubwürdig' bleibt - denn faktisch gibt es so etwas wie Empirie in dieser Theorie nicht.
     
  5. Systemtheorie ist ein Beobachtungsspiel
     
    Der Begriff "Beobachtungsspiel" ist in Anlehnung an Wittgenstein verwendet. Wittgenstein betont damit, daß "das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform" (Philosophische Untersuchungen, § 23). In einem Beobachtungsspiel stellt eine Beobachtung (Beschreibung) einen Spielzug dar, der außerhalb des Spiels unsinnig wäre. Die jeweiligen Systemstrukturen (Spielsituation) bestimmen, welche Züge anschlußfähig sind.
     
    Warum "Beobachtungsspiel"? Ich denke, daß dieser Begriff sehr genau trifft, was Systemtheoretiker (als Systemtheoretiker) tun.

Fazit: Keine Ahnung warum sich ein Beobachtungsspiel, zu dessen Grundlagen es gehört, nichts über seinen Gegenstandsbereich aussagen zu können, als "wissenschaftliche Theorie" bezeichnet - worauf die Systemtheoretiker eisern bestehen - und dafür auch noch Professorenstellen vergeben werden.