Warum Kunst zum Leben gehört

Was ist Kunst? Darüber kann man sich lange streiten - oder einfach beschreiben, wie man Kunst beschreibt - "so far".

Heidegger (deutscher Philosoph) beschrieb Kunst als "ins Werk gesetzte Wahrheit". Da ist was dran, aber die Wahrheit lassen wir mal weg. Kunst ist alternative Beschreibung, die den Anspruch stellt, Beschreibung "from now on" werden zu können. Sozusagen: eine echte Alternative zu den Beschreibungen "so far" zu zeigen.

So beschrieben ist Kunst eine unverzichtbare Bereicherung der Lebenswerte. Ein Kunstwerk ist eine alternative Beschreibung und fordert uns auf zu prüfen, ob diese alternative Beschreibung nicht eine Beschreibung "from now on" werden könnte. Kunstwerke sind gewöhnlich sehr allgemeine Beschreibungen, die auf verschiedene Lebenswerte oder Lebensbereiche angewandt werden können. Kunstwerke sind aber auch sehr spezielle Beschreibungen, da sie einen bestimmten Aspekt, den viele Beschreibungen gemeinsam haben, zur Neubeschreibung herausgreifen. In alteuropäischer Diktion könnte man sagen, sie zeigen das Besondere im Allgemeinen, indem sie sich als das Allgemeine im Besonderen darstellen.

Man kann durch ein Kunstwerk angeregt werden, einen besonderen Aspekt, den Beschreibungen aus verschiedenen Bereichen gemeinsam haben, einer alternativen Beschreibung zu unterziehen. Das bedeutet, dass ein Kunstwerk nicht direkt 'anwendbar' ist. Das Kunstwerk regt alternative Beschreibungen eines spezifischen Aspekts unserer Beschreibungen an, diese Anregung muss aber erst in konkrete, alternative Beschreibungen passend zu Beschreibungen "so far" übersetzt werden.
 

Ayn Rand Briefmarke

Ayn Rand, 1947 (Photo by Leonard Mccombe//Time Life Pictures/Getty Images)

Ayn Rands Roman "Wer ist John Galt?" zeigt uns eine Welt, in der Räuber-Opfer-Moral und Win-Win-Moral, vertreten durch Staat auf der einen und Kapitalisten auf der anderen Seite, aufeinanderprallen. Der Staat versucht, die Kapitalisten immer mehr auszupressen. Die Kapitalisten treten in den Streik. Eine Umkehrung der bekannten Situation, normalerweise streiken die Arbeitnehmer. Was geschieht, wenn die Kapitalisten streiken? Ayn Rand zeigt uns in der Romanhandlung, was geschieht und warum es genau so kommen muss. Die handelnden Charaktere sind bis zur Satire überspitzt dargestellt: Entweder schwarz oder weiß, nichts dazwischen. Genau dadurch können wir Leser aber die Spielzüge und die Motivationen klar und deutlich erkennen. Hätte Ayn Rand ihre Figuren weniger idealisiert dargestellt, wäre die Komplexität des Themas nicht einmal auf den 1200 Seiten des Romans zu einer schlüssigen Reflexion, geschweige denn einer klaren Aussage, zu bringen gewesen.

Wenn wir den Roman gelesen haben, kennen wir eine alternative Beschreibung von Moralen, ihren Motiven und Wirkungen. Dennoch leben wir nicht in den Beschreibungen des Romans, sondern in der Wirklichkeit unserer eigenen Beschreibungen "so far" - und die sind bei jedem lebenden Menschen andere, als in dem Roman. Wir müssen also Ayn Rands Beschreibungen so verändern, dass sie alternative Beschreibungen für unsere Beschreibungen werden. Danach erst können wir Prüfverfahren ersinnen, dann prüfen und danach entscheiden, ob wir die alternativen Beschreibungen als unsere Beschreibungen "from now on" annehmen.

Natürlich kann man "Wer ist John Galt?" auch als Unterhaltungsroman lesen. Dann hat man sich einige Stunden mehr oder weniger gut amüsiert und mit dem Schlusssatz den Inhalt vergessen, vielleicht taugt die Erinnerung an die Romanhandlung noch als Thema beim Kaffeeklatsch.

Das gilt für jedes Kunstwerk. Wir können es zum Zeitvertreib augenrollend beglotzen. Wenn wir ein Werk aber als Kunst beschreiben wollen, müssen wir es beschreiben, bedenken, in eine an unsere Beschreibungen "so far" anschlussfähige Beschreibung übersetzen (interpretieren) und alternative Beschreibungen gewinnen. Kunst ist ohne Investition von Zeit, Gefühl und Verstand nicht zu haben.

Kunst ist das, was als Kunst beschrieben wird. Nicht jeder Mensch wird Kunst so beschreiben, wie es vorstehend geschehen ist. Das ist okay. Wenn wir über Kunst sprechen, müssen wir unsere Beschreibungen von Kunst austauschen - und uns weigern, über die Wahrheit der Beschreibungen zu streiten. Verschiedene Beschreibungen sind alternative Beschreibungen und bieten die Möglichkeit, Beschreibungen "so far" zu ändern in Beschreibungen "from now on". That' all.

Nach der hier vorgelegten Beschreibung von Kunst kann man Kunst und Nicht-Kunst, sowie gute und schlechte Kunst beschreiben. Der Maßstab sind die Lebenswerte.

Paradigmatisch für Kunst ist deshalb der "romantische Realismus". "Romantisch", weil die Lebenswerte verherrlicht werden, "Realismus", weil alternative Beschreibungen und deren Prüfung angeregt werden.

 

"Erinnerungen, Träume und Phantasiegespinste,
Vergangenheit, Zukunft und der Augenblick des Traums dazwischen
bilden ein Land, das einen einzigen, unsterblichen Tag lang existiert.
Das zu wissen, ist Weisheit.
Es sich nutzbar zu machen ist die Kunst.
"
(Clive Barker "Stadt des Bösen")