Die formale Anzeige

Von MDE und TS-Nomaden

Einführung

Das Wort "formal" bedeutet, dass inhaltlich noch nichts vorgegeben ist, wohl aber in eine bestimmte Richtung gezeigt wird; daher das Wort "anzeigend": die Anzeige weist auf die faktische Existenz hin. Ich zitiere Gadamer, um diesen Sachverhalt darzustellen:

"Eine Anzeige hält sich immer in der Distanz des Zeigens, und das heißt wiederum, daß der andere, dem etwas gezeigt wird, selber sehen muß."

Gadamer bezieht sich auf eine Stelle wo Heidegger sagt, "daß es, soll es zum Eigentlichen kommen, nur den Weg gibt, das uneigentlich Angezeigte auszukosten und zu erfüllen, der Anzeige zu folgen".

Gadamer bemerkt dazu:

"Heidegger gebraucht dafür [also für die Anzeige] ein Wort, mit dem ich anfangs nicht zurechtkam. Er sprach von ‚Auskosten und Erfüllen' und erläuterte ‚Auskosten' mit ‚aus ihm herausheben'. … Aber die Pointe ist, daß das Leere gerade ins Konkrete führt. … Es gilt, sich gegen die Tendenz zu wehren, etwas zum Dogma zu machen. Stattdessen heißt es versuchen, das, was einem im Zeigen gezeigt wird, nun selber in Worte zu fassen und zur Sprache zu bringen. Was sich da zeigt, muß man zu sagen lernen, sagen mit eigenen Worten. Denn nur die eigenen, nicht die nachgesprochenen Worte wecken die Anschauung dessen, was man selber zu sagen suchte."

Vorbemerkung: Sprache und das Bekannte

Worte bezeichnen etwas, darum benutzen wir sie. Worte, die nichts bezeichnen, sind unklar, sinnlos oder unbrauchbar und müssen präzisiert oder durch andere ersetzt werden. Allein, wenn jedes begegnende Ding seinen Namen hat, jeder Name bzw. jede Beschreibung auf andere verweist und so unsere benutzte Wortsprache quasi das Netz bildet, in dem wir alltäglich leben, wo sind wir dann? Wer sind wir dann? Was umgibt uns dann? Was wissen wir von uns und den anderen und den Dingen - außer dem, was uns die durch Benutzung bekannte Sprache sagt?

Wollen wir mehr, sollten wir vielleicht Sprache analysieren. Es gibt Modelle über Sprache, die selbst wieder sprachliche Modelle sind, was sonst. Es gibt Modelle über das Verhältnis von Sprache (Bezeichnendem) und Objekten (Bezeichnetes), die auch sprachlich sind und auf Außersprachliches hinzudeuten versuchen: auf etwas, das unseren Sprachgebrauch lenkt und sozusagen die Äste sind, in denen wir das Netz Sprache aufspannen, in dem wir leben. Es gibt Versuche, uns vom distanz- und wissenlosen Verhaftetsein an Sprache zu lösen und etwas zu sehen, was wir vorher nicht sehen konnten. Gemeinsam ist ihnen: Sie bieten Methoden, um das zu schaffen. Den Methoden gemeinsam ist: Sie führen zu vorhersagbaren, mindestens begrenzten Ergebnissen.

Wir leben, könnte man sagen, in einem Gefängnis der Sprache. "Sprache", sagte Heidegger, "ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch." Haus - Gefängnis, es könnte beides zutreffen. Ein neuer Ansatz war die Phänomenologie mit dem Schlachtruf "Zu den Sachen selbst!" Nicht weg von den Phänomenen (vulgo: Dingen), sondern viel, viel näher ran.

Was ist die formale Anzeige? Wie wird sie angewandt?

Die "formale Anzeige" als Methode meint nicht eine funktionale Gebrauchsanleitung zu einem angestrebten Ergebnis, sondern ein Verhalten: gr. μεθα οδοσ = META ODOS, der Weg nach …, oder: μεθοδοσ, METHODOS, was "Auf-dem-Weg-bleiben" meint. Das bedeutet, Du musst den Weg (selbst) gehen, er-fahren und: Der Weg ist das Entscheidende, nicht der Zielpunkt.

Eine Methode … von was, wofür? Eine Methode des phänomenologisch Philosophierenden, um "den Blick auf die Phänomene von theoretisierenden Vorgriffen, insbesondere von ihrer Betrachtung als Objekte, freizuhalten, um somit die Phänomene als solche" in den Blick zu bekommen.

"Des phänomenologisch Philosophierenden" ist schon irreführend, denn es geht eben nicht darum, dass dies ein Verhalten 'der anderen' oder einer bestimmten Berufsklasse von Menschen ist, sondern eine Er-fahr-ung des unverstellten Daseins ("Dasein" meint bei Heidegger den Menschen), von mir und von dir, wenn wir uns zur Eigentlichkeit ("Eigentlichkeit" meint bei Heidegger das 'eigentliche' Leben) entschließen. Er-fahr-ung heißt: Ich nehme mich selbst mit, ich stelle bei der Betrachtung der Phänomene alles, was ich über sie schon zu wissen meine, zur Disposition, ich bin offen für das Phänomen als solches und somit auch bereit, mich durch das Neue, das ich er-fahre, wandeln zu lassen.

Hier sind schon einige der entscheidenden Charaktere der formalen Anzeige genannt:

  • Abweisung (das, was ich schon zu wissen meine, in Frage stellen),
  • Offenheit,
  • Bereitschaft,
  • Konversion (Wandlung meiner selbst).

Was meint Offenheit für ein Phänomen? Ein Phänomen besteht nicht nur aus seinem Gehalts-, sondern auch aus seinem Bezugs- und Vollzugssinn:

  • Gehaltssinn: das zumeist als Gegenständliches gefasste 'Was' des Phänomens
  • Bezugssinn: das 'Wie' des 'Habens' des Gegenstandes
  • Vollzugssinn: die Weise, in der ich mich in Bezug auf den Gegenstand verhalte, z.B. traurig, distanziert

Üblicherweise wird ein Phänomen als dessen Gehaltssinn gefasst, als Gegenstand, bzw. Objekt. Indem aber auf ein Phänomen als Objekt Bezug genommen wird, wird der Vollzugssinn dieser Bezugnahme vernachlässigt. D.h. wenn ich ein Phänomen als Objekt betrachte, distanziere ich mich von dem Phänomen. Dadurch wird ein Phänomen nicht in seiner Gesamtheit gefasst, sondern aus seinem lebendigen Erfahrungszusammenhang herausgerissen und zum bloßen Untersuchungsgegenstand degradiert.

Wie aber komme ich in die "lebendige Erfahrung"? Wo doch meine alltäglichen selbstverständlichen Konzepte und Begriffe mir den freien Blick auf das Phänomen verstellen?

Die Bezeichnung "formale Anzeige" selbst gibt einen Wink auf das Besondere der Methode oder des Prozesses (um das Sich-selbst-mitnehmen, das Selbst-gehen und die daraus folgende Verwandlung deutlicher zu machen): formalanzeigend, weil der jeweils verwendete Begriff zur Anzeige eines bestimmten Phänomens jeder vorgängigen inhaltlichen Bedeutung entbehren soll, rein formal, inhaltlich leer, schlicht und einfach eine Zeichenfolge, die auf das noch un-begriffene Phänomen zeigt.

Die so richtig verstandene, er-fahrene Leerstelle weist auf das Phänomen und bewirkt das Fragen, Hin-wenden und Hin-hören zum Phänomen, das Eröffnen und Sich-öffnen-für neue Möglichkeiten des Sehens oder anders, die Bereitschaft, die Leerstelle neu und anders zu füllen.

Damit sind weitere Charaktere der formalen Anzeige genannt:

  • Anweisung (Hinweis auf die Verstehensrichtung, die vom Phänomen selbst vorgegeben wird),
  • Richtung (in die ich mich hin-wende),
  • Möglichkeit,
  • Hören,
  • Frage.

Die "formale Anzeige" bedeutet zuerst und vorrangig: Fragen. Die Frage braucht nicht unbedingt ein Satzmodus zu sein. Entscheidend ist der Vollzug des In-Frage-Stellens. Zum echten Fragen schreibt Heidegger, es ist

"... ein Fragen, in dem wir in das Ganze des Seienden hineinfragen
und so fragen, daß wir selbst, die Fragenden,
dabei mit in die Frage gestellt,
in Frage gestellt werden."

Dieses Fragen - anders als wir es aus Schule und Alltäglichkeit gewohnt sind - führt nicht zu einer schnellen Antwort, einem Ergebnis, das wir abschließen können.

Eine typische erste 'Anwort' im Prozess der formalen Anzeige ist eine Tautologie oder ein Zirkel: Was ist Sprache? Sprache ist sprechen - um jeglichen unhinterfragten, vorgängigen Gehalt des Phänomens oder die Gewohnheit, das Phänomen schon als etwas anderes zu sehen, abzuweisen und stattdessen nur das Phänomen als solches anzuweisen. Das "als" führt jedoch nicht notwendig vom Phänomen weg, z. B. ist bei der Formulierung "Sprache als Sprache" der gewollte Zirkel gewährleistet.

Die "formale Anzeige" ist in sich in drei Stufen unterteilt. Diese konretisieren sich von der ersten Anzeige eines rein formalen, noch vollständig inhaltsleeren Phänomens hin zu einem konkreten, vulgären Phänomen. Diese Abfolge kann auch als Entformalisierung bezeichnet werden.

Diese Stufen sind:

Kreuztabelle: Formale Anzeige
Formale
Anzeige
Möglichkeits-
Stufen
Phänomen-
Begriff
Frage Syllogismus Ontologie
1. Stufe Ermög-
lichendes
formal Ge-
fragtes
Allgemeines Sein
2. Stufe Möglichsein phänome-
nologisch
Er-
fragtes
Besonderes Sinn von
Sein
3. Stufe Möglichkeit vulgär Be-
fragtes
Einzelnes Seiendes

Die genannte Entformalisierung ist also das Aufzeigen eines Ermöglichungszusammenhangs: Der formale Phänomenbegriff ist dasjenige, was überhaupt er-möglicht oder auch: der Grund der Bedingung der Möglichkeit. Der phänomenologische Phänomenbegriff bezeichnet das Möglichsein oder die Bedingung der Möglichkeit: Das, "was sich in den Erscheinungen, dem vulgär verstandenen Phänomen vorgängig und mitgängig, obzwar unthematisch, schon zeigt". Der vulgäre Phänomenbegriff bezeichnet eine realisierte Möglichkeit. Formal anzeigendes Denken kann auf jeder dieser drei Stufen begonnen werden.

  • Begriffe auf der 1. Stufe beginnend zu erkunden, wird heißen, sie fortschreitend zu konkretisieren. Zunächst wird ein Begriff gefunden (Sein, Kreativität, Freiheit, Schönheit), der ein Allgemeines (formale Struktur) anzuzeigen geeignet ist, also vollständig leer von Vorstellungen gemacht werden kann. Erst dann kann der Fragende sich unbefangen in diese Frage stellen und Besonderes nach Hinweisen absuchen, wie sich eine solche Struktur konkretisieren ließe. Auf der dritten Stufe, im Einzelnen erst wird sie greifbar, sinnlich anschaubar.
  • Begriffe auf der 3. Stufe zu befragen heißt, sie nach dem zu befragen, was und wie sich in ihnen etwas zeigt und sodann nach dem, was dieses ermöglicht. Alltägliches Verstehen von Begriffen auf der Stufe vulgärer Phänomene ist zunächst durch das uns so selbstverständliche Denken in "Vorhandenheiten" geprägt. Sie in "formale Anzeige" zu nehmen, wird bewirken, dass sie sich wandeln und mit sich den Fragenden, der sich selbst von einem vermeintlich "Vorhandenen" in ein "Dasein" wandeln muss, wenn er das was sie ihm sagen, verstehen will.
  • Von der 2. Stufe beginnend zu fragen, ist die eigentliche Domäne des formal anzeigenden Denkens - sie führt in den "Hermeneutischen Zirkel": Das Einzelne durch Fragen an das Allgemeine (Ganze) und dieses durch das beharrende Fragen, wie es sich im Konkreten zeige, zurückzufragen. Erfragt wird in diesem kreisenden Denken nicht nur die Mitte zwischen Ermöglichendem und realisierter Möglichkeit, zwischen Allgemeinem und Einzelnen, sondern in dieser Mitte entbirgt der Fragende sich selbst.

Ein Beispiel für den Ermöglichungszusammenhang: Das Sein, welches als Ermöglichendes das Seinsverständnis schickt (1. Stufe), das Seinsverständnis (2. Stufe), welches als vorgängiges Verstehen schon immer gegeben sein muß, um "Dasein", sprich "In-der-Welt-sein" sein zu können. Das "In-der-Welt-sein" schließlich als realisierte Möglichkeit eines Seienden (3. Stufe).

An diesem Beispiel ist zu sehen, dass die "formale Anzeige" 3. Stufe nicht vorschnell mit empirisch zugänglichen, konkretem Seiendem gleichgesetzt werden kann. Es geht nicht darum, am Ende, endlich, ein Resultat vorweisen zu können ("Ah, nun weiß ich es: Das ist ein weltloser Gegenstand, ein 'Vorhandenes', ein Tisch.“), sondern die drei Stufen sind jeweils Stufen der Näherung an ein Phänomen, sozusagen die Suchgegend, in der ich meine Expedition starte.

Man kann die Expedition an einem Punkt abbrechen und sich zufrieden geben, weil man etwas gefunden hat. Dies entspricht nicht der formalen Anzeige als Seinsweise des "eigentlichen Daseins", sich vom Phänomen immer wieder neu angehen und wandeln zu lassen. Der umgangssprachliche Phänomenbegriff (wie in: "ein Phänomen!", "phänomenal!") weist die Richtung: Die formale Anzeige hält den Philosophierenden im Staunen, die Welt ist nicht altbekannt, sondern Abenteuer.

Ausblick

Was dürfen, was können wir in einer Zeit des weltpolitischen und gesellschaftlichen Verfalls, in einer von Willkür und machenschaftlichen Denken getriebenen Welt, in der uns nichts erstaunt, von einer formal anzeigenden Philosophie erwarten?

Nun, nichts, was uns abgeschlossene Antworten geben könnte! Nichts, was uns in unserer Bequemlichkeit und Selbstgenügsamkeit bestärken oder sogar bestätigen könnte! Die "formale Anzeige" mit ihrer permanenten Konversionsforderung ist die radikalste Kampfansage an das, was wir für die selbstverständlichste Sache der Welt halten – nämlich uns selbst.

"Nur was wir nicht verstanden haben, können wir abschließen."
(Peter Hoeg, Fräulein Smilla)

Metapher für die formale Anzeige - ein Seiltanz

Ein Seiltanz zwischen den Abgründen der analytischen, alles in kleine handhabbare, machbare Häppchen zerteilende Präzision auf der einen und dem der im Unbestimmt-Nebligen bleibenden Vagheit auf der anderen Seite - zwischen der Gefahr im Einzelnen zu versinken oder sich im Allgemeinen zu verlieren.

Wie hält ein Mensch sich in dieser schwankenden Höhe - auf dem Seil - ohne abzustürzen?

Tanzend, das ist mit "Seiltanz" schon angezeigt, aber wie tanzt er, wie allein kann Mensch auf einem Seil tanzen? In Bewegung bleibend - tastend zwar aber entschlossen, auf jeden Schritt ohne Zögern den nächsten zu wagen. Den Mut, die Kraft für den nächsten Schritt, erhört, erfühlt, ersieht der Tanzende aus den Abgründen sich, die ihn tragen, indem der eine sowohl wie der andere ihn in je seine Tiefe zu sinken lockt.

Je tiefer und zarter sich ziehen lassend - er beiden Abgründen zugleich sich öffnet, je sicherer, tanzender setzt er seine Schritte.

  • Das Ohr hin zum Abgrund der Vagheit lauscht auf das frag-würdige Wort und vernimmt immer feiner seine Fragen, seine Herkunft, seine Sehnsucht, verstanden, gehört, gehütet zu werden.
  • Das andere Ohr steht senkrecht-scharf in die Höhe, das Gewirr der klagenden, zerrenden Schreie aus dem Abgrund der Zerteilten zu orten und aufzusammeln, in Worte zu sammeln.

Im endlos kreisenden Hin und Her zu den Abgründen hin erprobt der Tanzende das Lied, das er unentwegt weiter-dichtend, zu singen lernt.

Ein Mensch, der sich zu "Dasein" wandelt, wäre dann ein singender Mensch.

Oder wird er zum Übersetzer zwischen zwei Abgründen, die ohne ihn nicht die Spur einer Chance haben, einander und damit sich selbst zu verstehen?

Wie singt er genau?

Um singend den nächsten Tanzschritt zu finden, kommt alles darauf an, dass er sein Hören-können entwickelt. Um Nach-zusprechen, was er verstanden hat - so treffend und fein wie ihm möglich - nachsprechend, in Worten aussprechend?

Und Hören meint auch - vernehmliche Laute, Stimmen, ebenso aber das Bewegen, Zucken, Schwingen, Leuchten aller Arten von Sinne. Die er zu Worten übersetzen lernt?

Eine seltsame Gegenbewegung ist dieses Hören, das er, ja schon auf dem Seil tanzend, immer weiter verfeinern muß:

Hören auf die Frage, die sich selbst (ohne von ihm gesungen zu werden) nicht verstehen kann.
Dafür muss er - sein Hören "klar" halten. Er muss standhalten: Mehr und zugleich weniger hören als er vielleicht gewohnt sein mag:

  • Hellhörig werden dafür, wie mögliche Antworten, mögliche antwortende Fragen klingen.
  • Und taub für das sonstige Stimmengewirr, das ihn hier - oder dort in den Abgrund zöge.
  • Und nur er kann die einen mit den anderen - zueinander - ins Gespräch bringen.
  • Und dieses Gespräch ist er selbst - er wird es, indem er es singt.

Beispiele um in formal anzeigendes Denken hineinzukommen

Kant

Kant hat über Mündigkeit nachgedacht, hat dann diesen tollen Satz, "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit", geschrieben. Den können wir lesen, abschreiben, lernen und die Sache ist erledigt.

Wenn wir Begriffe wie "Aufklärung" oder "Mündigkeit" formal anzeigend fassen ... dann sind sie provisorische Platzhalter ... dann kann uns Kant nicht mehr das Denken abnehmen, sondern wird eine Zeitlang unser Begleiter und irgendwann verlassen wir ihn und wo wir letztlich landen, ist ungewiss.

Drache

Nun stelle dir vor, du gehst eine belebte Straße entlang. Es pfeift auf irgendwie anstößige Weise, und wie du dich im Laufen umdrehst, da siehst du einen goldenen Drachen hinter dir her trippeln, der ganz lässig eine türkisfarbene Handtasche um sein linkes Handgelenk schlenkert.

Du staunst! „Wow, das kann doch nicht wahr sein, ein leibhaftiger goldener Drache, der seine türkisfarbene Handtasche schlenkert.“

Aber im nächsten Moment würdest du denken, dass es so etwas doch gar nicht gibt, weil so etwas einfach nicht sein kann. Erstens ist es um diese Jahreszeit viel zu kalt und zweitens gibt es keine goldenen Drachen, die am hellichten Tag mit einer farbigen Handtasche am Arm auf einer belebten Straße herumlaufen.

Gut, vielleicht hast du recht. Doch im Grunde ist diese Situation wie geschaffen für ein phänomenologisch ausgezeichnetes philosophierendes Verhalten und - die "formale Anzeige".

Du hast nun zwei Möglichkeiten: Du rennst entweder Hals über Kopf davon, um nie wieder auch nur ein Wort darüber zu verlieren oder du bleibst und stellst dich dieser ungeheuerlichen Konversionszumutung. Denn, was du jetzt zu tun hast, ist fragend denkendes Besinnen dieses Phänomens und deines "Daseins" in der Welt.

Ok, was siehst du? Einen Drachen, was sonst. Du fragst ihn, ob er einer ist, doch er blinzelt nur zurück. Du beschließt, ihn anzufassen und wunderst dich, wie kühl diese Haut ist. Aber eigentlich ist sie gar nicht kühl und auch gar keine Haut. Da sind jede Menge Schuppen und Schüppchen und als du dran zupfst, beginnt er zu glucksen. Auch das noch!

Aber du merkst, dass dir bei diesem Erkundungsgang nicht ganz wohl ist. Du diagnostizierst an dir eine Art Schock und musst dich zwingen, das Gerede in Deinem Kopf im Zaum zu halten: „das kann doch nicht sein, das kann doch nicht sein, das kann doch nicht sein, das kann doch nicht…“, u.s.f.

Worauf es jedoch ankommt ist, weiterhin 'im Sturm zu stehen', dabei zu bleiben, offen zu sein und mit zu bekommen, was mit dir geschieht, was dieses Phänomen mit dir 'macht'. Wichtig ist, wie wir die Erkundung des Phänomens vollziehen. Wie wir uns als Mensch und Mitmensch in und mit unserer Welt auseinandersetzen und das dies immer mit unserer 'Selbstwelt' zu tun hat.

Beispiele für Verhalten, das sich der Aufgabe, die eine formale Anzeige ist, stellt

"Sein und Zeit"

Die Frage nach dem Sein zu stellen, überhaupt zu finden, wie nach dem Sein fragen, erfordert (so Heidegger in der Einleitung zu SZ) das Seiende selbst auf sein Sein hin abzufragen. (S.6)

Das heißt aber nicht einfach: Hinsehen und beschreiben, sondern zuvor muss dieses Seiende 'zugänglich' für den Fragenden geworden sein. Und 'zugänglich machen' kann ja dann nicht heißen, wild draufloszufragen, sondern erst zu finden, wie ich fragen kann, damit dieses Seiende mir zugänglich wird.

Was will ich erfahren? - Wie es ist. Wie es sein kann. Wozu und dann: Worumwillen es ist - den Sinn seines Seins.

Aber wie frage ich das Seiende danach? Heidegger lenkt die Aufmerksamkeit auf das Seiende, das sich verstehend, fragend zu sich selbst verhält - dem Dasein. Wie Dasein sich selbst, sein "Wozu", "Worumwillen" verstehen kann. Was es von sich versteht und was ihm zunächst verborgen bleiben muss.

Das Gefragte also ist das Sein, das Ermöglichende, die eröffnende Frage. Sie öffnet den Antwortraum und hält ihn offen. Diese, die eröffnende, ermöglichende Frage, wird an keiner Stelle von "Sein und Zeit" beantwortet.

Das Erfragte ist der Sinn von Sein, der zu erforschende Antwortraum, der vom Gefragten offengehalten wird. Diesen Antwortraum erforscht Heidegger fragend danach, wie, wodurch es möglich ist (Möglichsein), dass Sein verstanden werden kann:

"Der gesuchte Sinn von Sein ist nichts hinter dem Sein. Der Sinn ist das, aus dem her Sein verstanden wird." (§ 32, S. 152)

Das Befragte ist das Seiende selbst (Möglichkeit), das auf sein Sein-können, sein Möglich-sein hin befragt wird - Dasein. "Die Frage nach dem Sinn ist die Frage nach dem Sein, vorausgesetzt, das Sein hält sich in der Verständlichkeit des Daseins ." (ebd.)

Wer bin ich?

Zunächst werden dir vermutlich sämtliche Eigenschaften einfallen, die du dir zuschreiben würdest. Irgendwann - obwohl du es vermutlich endlos so weiter machen könntest - bist du mit deinem Latein am Ende: Das bin ich nicht!

Als nächstes könnten dir Erinnerungen einfallen - Erlebnisse, die dich geprägt haben - Erfahrungen, die zu dir gehören, die du bist. Irgendwann kommt ein Punkt, wo es auch hier nicht weiterzugehen scheint.

Was nun? Deine räumliche Umgebung scheint plötzlich furchtbar aufregend zu werden, aber dir wird klar, dass dieses urplötzliche Interesse nur dazu dient, um von dir abzulenken. Wenn du dich wieder auf dich zentrierst und tief in dich hineinspürst, bist du irgendwann nur noch deine Empfindungen. Alle Äußerlichkeiten sind beiseite geräumt, deine Vergangenheit zählt nicht mehr, dein Kopf ist geleert, du bist deine Empfindung.

Nachdem du dich von allem befreit hast, woran du dich festgehalten hattest, und nichts mehr übrigbeleibt, ist der Punkt erreicht, an dem eine Umwandlung stattfinden kann.

Geist

Was ist Geist? Zur vulgären Fassung des Phänomens ist festzuhalten, dass man sich davon distanziert, sei es verunsichert, verächtlich oder anders. Die Frage: "Was ist Geist", ist jedenfalls unzulässig und irrelevant. Man weiß, es ist eine Frage für studierte Philosophen, vielleicht auch für Psychiater. Sind nicht beide Berufe dafür bekannt, uns das Leben schwer zu machen durch die Erfindung abstruser Begriffe?

Auf der formalen Ebene wird ein Philosoph gerade aus dem Umstand, daß der Begriff "Geist" vage ist, den Ansporn ziehen, ihn klären zu wollen. Er muss nicht überzeugt sein, die wahre Antwort zu finden, doch zumindest eine wahrere als wir bisher kennen. So liegt es nahe, die Ergebnisse und Aussagen anderer Philosophen (evt. auch Naturwissenschaftler) zu vergleichen und durch Gemeinsamkeiten und Unterschiede und Widersprüche mehr zu erkennen. Da die Erkenntnisfähigkeit des Einzelnen begrenzt ist, kann durch Kombination vieler einzelner Ansätze mehr erkannt werden. Zugrunde liegt dem die Überzeugung, dass die Wahrheit in der optimalen Beschreibung liegt.

Auf der phänomenologischen Ebene muss man sich von den vorgängigen Leitgedanken lösen. Das vulgäre Phänomen, also das, was ich selbstverständlich mit "Geist" meine, befrage ich auf sein Wesen. Ergänzend zur Sachliteratur werde ich z.B. meditieren, Drogen nehmen, den Biorhythmus einbeziehen. All diese Erfahrungen können bedenkenswerte Wege und Abwege zeigen.

Faschismus

  1. Schritt: das III. Reich war schlecht; Nazis sind super; u.a. Aussagen
  2. Schritt: "Der Begriff Faschismus entstand als Name für die Bewegung Benito Mussolinis in Italien. Beginnend mit Stalin wurde er von der kommunistischen Propaganda weitgehend dem Antikommunismus gleichgesetzt. Eine neuere Interpretation des Begriffes durch Ernst Nolte (seit etwa 1970) beschränkt die Verwendung des Begriffes auf antiliberale, antidemokratische und antikommunistische Ideologien und schließt damit auch den (deutschen) Nationalsozialismus ein. Abgeleitet ist der Begriff Faschismus vom italienischen fascio bzw. lateinischem fascis für Bund, Bündel. ..."
  3. Schritt: ein Gedicht (eine Möglichkeit zumindest; um die abschließende Wahrheit geht es nicht)

Theodor Kramer

Der Dichter Theodor Kramer war ein österreichischer Jude. Er floh nach dem Anschluß Österreichs nach England. Der Faschist, um den es in dem Gedicht geht, war Josef Weinheber - auch er ein österreichischer Dichter. Er schrieb nach dem Anschluss Gedichte zur Verherrlichung Hitlers. Im April 45 nahm Weinheber sich das Leben. Einen Monat später schrieb Kramer das "Requiem".

Requiem für einen Faschisten

Du warst in allem einer ihrer Besten
erschrocken fühl ich heut mich dir verwandt,
du schwelgtest gerne bei den gleichen Festen
und zogst wie ich oft wochenlang durchs Land.
Es füllte dich wie mich der gleiche Ekel
vor dem Geklügel ohne innern Drang,
vor jedem Wortgekletzel und Gehäkel,
nichts galt dir als der schöne Überschwang.

So zog es dich zu ihnen, die marschierten,
wer weiß da, wann du auf dem Marsch ins Nichts
gewahr der Zeichen wurdest, die sie zierten?
Du liegst gefällt am Tage des Gerichts.
Ich hätte dich mit eigner Hand erschlagen;
doch unser keiner hatte die Geduld,
in deiner Sprache dir den Weg zu sagen:
dein Tod ist unsre, ist auch meine Schuld.

Ich setz für dich zu Abend diese Zeilen,
da schrill die Grille ihre Beine reibt,
wie du es liebtest, und der Seim im geilen
Faulbaum im Kreis die schwarzen Käfer treibt.
Daß wir des Tods und Ursprungs nicht vergessen,
wann jeder Brot hat und zum Brot auch Wein,
vom Überschwang zu singen wie besessen,
soll um dich, Bruder, meine Klage sein.