Beobachtung: Unterscheidung und Bezeichnung

Das Folgende ist die stark vereinfachte Darstellung eines komplexen Problems. Wer hier Anlehnungen an Spencer-Brown, Hegel, Luhmann oder Gotthardt Günther zu erkennen glaubt, liegt richtig. Dennoch folgt die Darstellung keinem der genannten in allen Aspekten. Wir wollen Versuche im Selbstdenken wagen ;-)

Zuerst: "Beobachten" - wie der Begriff hier benutzt wird - hat nichts mit "hinsehen" oder sonst einer spezifischen Wahrnehmung zu tun. Man kann "hinsehen" einer Beobachtung zugrundlegen, aber Beobachtung kann auch ohne jede sinnliche Wahrnehmung stattfinden.

"Bezeichnung" meint einerseits das Herstellen einer Bezeichnung, also bezeichnen, andererseits die hergestellte, also bestehende Bezeichnung: das Resultat des Bezeichnens.

Dann: "Bezeichnung" meint ganz unspezifisch alle möglichen Arten des Bezeichnens:

  • Symbolisch: Ein Zeichen ist für Bezeichnetes durch Konvention festgelegt, z.B. das Wort "Katze" für eine Katze.
  • Indexikalisch: Ein Hinweis auf etwas, z.B., ein Wegweiser, der hinweisende Zeigefinger oder ein Wetterhahn, der die Windrichtung anzeigt.
  • Ikonisch: Eine Bezeichnung durch Ähnlichkeit, z.B. eine Fotografie.

"Unterscheidung" meint einerseits das Herstellen einer Unterscheidung, also unterscheiden, andererseits den hergestellten Unterschied, also das Resultat des Unterscheidens. Eine Unterscheidung ist eine nicht weiter bestimmte Beziehung zwischen Unterschiedenen. Eine Unterscheidung besteht aus einer Grenzziehung so, dass ein Punkt auf der einen Seite der Grenze die andere Seite nicht erreichen kann ohne die Grenze zu kreuzen. Die beiden Unterschiedenen

  • sind nicht identisch,
  • gehen nicht ineinander über und
  • haben eine gemeinsame Grenze

- das ist alles. Mehr ist nicht gesagt und nicht gemeint.

Nun zur Beobachtung:

Eine Beobachtung ist ein Ereignis,
das eine Unterscheidung benutzt,
eine der beiden Seiten dieser Unterscheidung bezeichnet
und dadurch Informationen gewinnen oder verarbeiten bzw.
weitere Beobachtungen anschließen kann.

Wer etwas bezeichnet, egal was, hat es damit schon von allem anderem unterschieden. Die Bezeichnung erzeugt das Unterschiedene. Man kann nicht unterscheiden, ohne zu bezeichnen - und umgekehrt. Wir benutzen den Begriff "Form" (zwei-Seiten-Form) als synonym zu "Unterscheidung" und zu "Bezeichnung". Alle drei Begriffe bezeichnen denselben - nicht nur den gleichen - Sachverhalt, aber aus verschiedenen Perspektiven.

Wir können niemals mit einer Einheit oder Identität, z.B. essen, lieben oder Gott, anfangen zu handeln, zu fühlen oder zu denken. Sobald wir etwas bezeichnen unterscheiden wir das Bezeichnete und das mit dieser Bezeichnung nicht Bezeichnete: was es ist und was es nicht ist. Wäre das anders, könnten wir mit einer Bezeichnung nicht unterscheiden, also nicht bezeichnen. Selbst wenn man sagt "Alles", unterscheidet man gegen "Nicht-Alles", z.B. Ganzes und Teil.

Deshalb kann man immer nur,
egal ob man es explizit tut oder nicht,
mit Unterscheidung anfangen,
niemals mit Einheit.

Eine Unterscheidung hat zwei Seiten. Das Bezeichnete, die eine Seite, und alles übrige, die andere Seite. Die Seiten sind getrennt - und verbunden - durch eine Grenze. Die Grenze ist nichts Substantielles, keine Substanz zwischen den Seiten, denn dann wäre sie eine dritte Seite. Sie ist, weil nur Beobachter unterscheiden können, die Operation, welche die Seiten sortiert, die unterscheidende Operation (Tätigkeit, Geschehen) - also der Beobachter. Insofern ist sie selbst die Unterscheidung im Sinne von unterscheiden und Unterschiedenem. Unterscheidung ist sortieren und Sortiertes.

Man kann sich das an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Nur die Regierungen, nicht die Geographie, bestimmen über die Grenzen von Staaten. Eine Regierung kann durch scharfe Einreise- und Zollkontrollen ihre Grenzen "dicht" machen, eine andere kann sie durch laxe Handhabung und liberale Gesetze öffnen. Eine Regierung kann die Staatsgrenzen verändern wollen und muss dazu mit anderen Regierungen verhandeln oder Krieg führen. Daran sieht man, dass nicht der rote Strich auf der Landkarte, sondern die Regierungen, also die Beobachter der Grenze, die Grenze ziehen und regulieren. Jeder Beobachter der Grenze wirkt mit an der Unterscheidung: Den regulären Grenzübergang benutzen oder sich durch die Büsche schlagen? Waren verzollen oder doch lieber schmuggeln?

Beobachter schaffen durch ihr Unterscheiden nicht nur Grenzen, sie sind selbst diese Grenzen. Beobachter projizieren die Grenzen die sie sind, nach außen und entdecken sie dann dort wieder - Überraschung!

Wie entsteht der Beobachter? Fluktuationen des Formlosen. Die Physik nennt es "Fluktuationen des Nichts", ähnlich die Mystik, mit den Worten Heideggers: "das Nichts nichtet". Wir werden das später vertiefen.

"Jenseits des geschichtlich entstandenen Repertoires der Formen erstreckt sich die unreduzierbare Wüste des Formlosen. Nicht die ganze Erde kann man kolonisieren, privatisieren, formen. Das Frontier bleibt. ... jenseits aller hegelianischen Sicherheiten lauert das Gesetzlose, Namenlose und Wilde, das als ewige Quelle der Gefahr nicht gezähmt werden kann. Das Modell Luhmanns kann damit als theoretische Klärung des obenerwähnten Midaskomplexes verstanden werden, der das Verhältnis der Kunst zu ihrem Anderen regelt: das Kunstsystem kann und muß in der Suche nach dem Neuen weiter und weiter ins Formlose eindringen. Dadurch wird das Formlose aber nicht besiegt, sondern bloß verschoben und wieder aus den Augen verloren, d.h. in seiner verborgenen Gefährlichkeit unangetastet belassen. Diese Vision ist beunruhigend und beruhigend zugleich. Die Gefahr ist zwar nicht beseitigt. Aber sie ist nach Außen verdrängt, so daß sich zumindest im Inneren der Form die reine, ungetrübte Freude am Werk, die wir mit dem Kunstschaffen assoziieren, friedlich entfalten kann." (Boris Groys, Die dunkle Seite der Kunst)

Jeder Unterscheidung muss etwas zugrundeliegen: das was sortiert oder unterschieden wird. Man kann es mit Spencer-Brown "unmarked space" oder mit Luhmann "Welt" nennen. Wir nennen es einfach das Formlose: ein Meer von irgendetwas, was auch immer, das, wie auch immer, sortiert wird. Statt "sortiert" können wir auch sagen: in (eine) Form gebracht wird. Eine Unterscheidung ist eine Form mit zwei Seiten, die das Formlose in Form bringt. Das Formlose ist nur hinsichtlich der thematischen Unterscheidung formlos, in anderer Hinsicht mag es Formen enthalten und die thematische Unterscheidung mag sich daran orientieren.

Beispiel: Simone de Beauvoir erfand die Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht ("sex") und sozialem Geschlecht ("gender") der Frau. Die Frau war für sie das Formlose, welches durch diese Unterscheidung in Form gebracht wurde. Die Unterscheidung richtete sich gegen eine Rollenfestlegung der Frau, die durch ihren Körper und dessen biologische Funktionen bestimmt war. Natürlich hatte die Frau vorher schon eine Form, z.B. durch die Differenz Frau / Mann deren Formloses der Mensch ist, welcher wiederum in der Form Mensch / Tier oder Mensch / lebloses Ding eine Form hat. Dennoch liegt die Frau der sex / gender Unterscheidung als Formloses zugrunde, denn der Aspekt der Frau, der mit der neuen Unterscheidung in Form gebracht wurde, war vorher ununterschieden und damit nicht erkennbar, also formlos.

Eine Unterscheidung gründet im Formlosen.
Sie entsteht durch eine unterscheidende Operation,
welche die beiden Seiten der Unterscheidung erzeugt
und wird nur aufrechterhalten durch weitere unterscheidende Operationen:
der Weg wird im Gehen erzeugt.

Wenn wir das vergessen
glauben wir - mit sich selbst identisch bleibende - Einheiten zu erkennen:
Stühle, Menschen, Gott.

Das ist der Unterschied zwischen Nomaden und Siedlern.

Eine Beobachtung setzt voraus, dass eine der beiden Seiten der Unterscheidung bezeichnet wird: dick und nicht dünn, Theorie und nicht Praxis, Mensch und nicht Tier. "Bezeichnen" heißt hier einfach: sich darauf beziehen, auf etwas referieren, einen Bezug herstellen.

Eine Beobachtung liegt vor, wenn das, was bezeichnet wird, anschlussfähig ist, d.h. wenn weitere Beobachtungen an die erste Beobachtung angeschlossen und Informationen gewonnen werden können. So ist die Beobachtung eines Menschen als Frau anschlussfähig, weil an diese Beobachtung weitere informative Beobachtungen, z. B. bezüglich "sex" oder "gender", angeschlossen werden können.

Man könnte meinen, dass nur Menschen beobachten. Das ist falsch. Auch eine Amöbe muss beobachten. Sie muss z. B. wenn sie frisst, zwischen sich und nicht-sich unterscheiden, ansonsten sie sich möglicherweise selbst auffressen würde. Sie beobachtet sich (Bezeichnung) und schließt weitere Beobachtungen, z. B. fressbar versus nicht fressbar, an. Ein Thermostat unterscheidet zwischen zu hoher und zu niedriger Temperatur. Wenn das Kühlsystem ausgeschaltet ist, beobachtet er zu hohe Temperatur und kann an diese Beobachtung z.B. die weitere Beobachtung an / aus des Kühlsystems anschließen. Wir Menschen benutzen natürlich viel mehr Unterscheidungen als Amöben und Kühlschränke: dick und dünn, groß und klein, Theorie und Praxis, Identität und Unterscheidung, unterscheiden und bezeichnen, Mensch und Nicht-Mensch, etc. - aber am Prinzip ändert sich dadurch nichts.

Man sagt z.B. Kinder sind süß. Welche Unterscheidung liegt der Bezeichnung "süß" zugrunde? Vielleicht süß / sauer? Denkt man dabei wirklich an eine Unterscheidung - oder bezeichnet man nur, ohne die Unterscheidung zu beobachten? Wenn man aber die Unterscheidung süß / sauer beobachtet, gegen welche andere Unterscheidung unterscheidet man sie? Vielleicht Mädchen / Junge? Oder blond / braun? Und - beobachtet man das, während man (gleichzeitig!) diese Unterscheidung benutzt?

Es treten Probleme auf:

  • Einheitsblindheit: Die Einheit der Unterscheidung, also das, was unterschieden wurde, kann, während die Unterscheidung benutzt wird, nicht beobachtet werden. Werden Frauen beobachtet, so kann man nicht gleichzeitig Menschen - eine mögliche Einheit von Mann und Frau - beobachten.
  • Bezeichnungblindheit: Der Beobachter beobachtet nur die bezeichnete Seite der Unterscheidung und nur eine spätere Beobachtung kann zeigen, dass die eine Seite der Unterscheidung nur die eine ist, weil es eine andere Seite gibt, die während dieser Beobachtung nicht bezeichnet ist. Beobachtet man Frauen, so kann man nicht gleichzeitig Männer beobachten - anders: man kann die Wörter "Mann" und "Frau" nicht gleichzeitig, nur nacheinander aussprechen.
  • Unterscheidungsblindheit: Die Unterscheidung, die für die Bezeichnung benutzt wird, kann selbst - während sie benutzt wird - nicht beobachtet (unterschieden) werden. Unterscheidet man z.B. wahr / falsch, dann kann man nicht beobachten, ob diese Unterscheidung selbst wahr oder falsch ist. Die Anwendung einer Unterscheidung auf sich selbst produziert ein Paradox: Ist die Unterscheidung gut / böse gut oder böse?

Wenn die Unterscheidung gut / böse gut ist, dann ist das Böse Teil des Guten, wenn sie böse ist, ist das Gute Teil des Bösen. Schlecht für die Moral. Ist die Unterscheidung Transzendenz (Gott) / Immanenz (Welt) transzendent (göttlich) oder immanent (weltlich)? Wenn sie transzendent ist, woher kennen wir dann die Unterscheidung? Nur aus den Gedanken Gottes. Die Gedanken Gottes kennen? Wenn sie immanent ist, woher wissen wir dann von Gott? Nur aus der Welt, aber wie kann diese wissen was nicht Welt ist? Vielleicht ist Gott ja ununterscheidbar, unterscheidunglos - aber wie können wir ihn dann beobachten? Wie können wir etwas wissen, was wir nicht beobachten können? Schlecht für die Religion.

Aber für derlei Probleme gibt es die Theologie, die Programme für das Beobachten mit dieser Unterscheidung erfindet: Gebet, Meditation, Einbruch der Transzendenz, Unfehlbarkeit des Papstes usw. Wir sehen daraus: Eine Unterscheidung allein ist nutzlos, wir brauchen immer zusätzlich ein Programm, welches regelt was auf welche Seite sortiert wird.

Der Beobachter kann immer nur beobachten, was er bezeichnet. Will er beobachten, welche Unterscheidung die Bezeichnung ermöglicht, muss er - in einer anderen Beobachtung - eine andere Unterscheidung benutzen, die die erste Unterscheidung von anderen Unterscheidungen unterscheidet.

Jede Beobachtung erzeugt beim Beobachter blinde Flecke:
er "sieht" (beobachtet) nicht, dass er nicht "sieht", was er nicht "sieht" -
weil er sieht, dass er sieht, was er sieht.

Das geht über die bekannte Formel, "ich weiß, dass ich nichts weiß", hinaus. Wer weiß, dass er nicht weiß, weiß immerhin dies noch. Der "blinde Fleck" besteht aber darin, nicht nur nicht zu wissen, dass man nicht weiß, sondern - während der Beobachtung - prinzipiell nicht wissen zu können, dass man nicht weiß.

Das gilt für die Beobachtung 1. Ordnung, also für die Beobachtung eines selbst nicht beobachtenden Objekts (Was-Ebene, was wird beobachtet). Die Beobachtung 2. Ordnung, also die Beobachtung eines Beobachters (Wie-Ebene, wie wird beobachtet), kann sehen, was der Beobachter 1. Ordnung nicht beobachten kann: welche Unterscheidung dessen Beobachtung zugrundeliegt. Auf welcher Unterscheidung die Beobachtung 2. Ordnung basiert ist dem Beobachter des Beobachters aber wiederum blinder Fleck. Eine Beobachtung 2. Ordnung ist immer auch eine Beobachtung 1. Ordnung. Die Bezeichnung "Beobachtung 2. Ordnung" bezieht sich darauf, was beobachtet wird, nämlich ein Beobachter. Der Beobachter des Beobachters ist, genauso wie dieser, bezüglich der Unterscheidung die er selbst benutzt, Beobachter 1. Ordnung.

Man kann immer auch anders unterscheiden, also beobachten. Das ist die Kontingenz der Beobachtung: sie ist immer auch anders möglich. Je nachdem wie man unterscheidet, also beobachtet, kommt man zu anderen Ergebnissen. Jede Unterscheidung aktualisiert eine Realität, die nur durch diese Unterscheidung erschaffen wird - und durch andere Unterscheidung nicht. Andere Unterscheidungen, andere Realitäten. Es gibt nicht die eine Realität, sondern viele Realitäten: Poly-Realität oder Polykontexturalität.

Real ist also nur, was durch Unterscheidungen produziert wird, aber nicht alle Unterscheidungen produzieren Realität. Die Welt muss eine Unterscheidung zulassen, sie muss sich bewähren - indem sie Realität erzeugt. Die Realität eines Beobachters kann mit der Realität eines anderen Beobachters verglichen werden, aber nicht mit einer beobachterunabhängigen Realität. Es gibt keine beobachterunabhängige Realität.

Alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt.
Alles was gehört wird, wird von einem Beobachter gehört.

Zu beachten: Der Beobachter ist, weil seine Beobachtung seine Realität erschafft, immer schon Betroffener und Teilnehmer. Hier wird nicht die Außenwelt geleugnet, aber die Möglichkeit einer eineindeutigen Korrespondenz zwischen Welt und Erkenntnis, also die Möglichkeit einer universalen oder überindividuellen Wahrheit.

Kontingenz meint: Beobachtung kann ihre Unterscheidungen weder beliebig wählen, noch sind sie notwendig vorgegeben, sie sind immer auch anders möglich, aber nicht beliebig anders möglich. Erkennen durch Beobachtung ist weder Konstruktion, wie es uns ein relativistischer postmoderner Konstruktivismus erzählen will, noch Instruktion, wie es uns eine dogmatische alteuropäische Ontologie erzählen will, sondern Konstruktion und Instruktion. Beobachten ist Gestalten, etwas entsprechend seinen Möglichkeiten in Form bringen. Da der Beobachter sich durch seine eigenen Unterscheidungen selbst gestaltet, gilt:

Gestalt gestaltet.

Das Oszillieren zwischen Beobachtung 1. Ordnung und Beobachtung 2. Ordnung, bei dem die Ergebnisse der Beobachtung 2. Ordnung als Grundlage weiterer Beobachtungen 1. Ordnung benutzt werden und die Ergebnisse der Beobachtung 1. Ordnung wiederum mit einer Beobachtung 2. Ordnung beobachtet werden, nenne ich Design. Die Beobachtung 2. Ordnung können wir Reflexion nennen - wenn wir darauf achten, dass mit Reflexion genau das und nichts anderes gemeint ist. Wir können dann etwas alltagssprachlicher sagen: Design ist der permanente Wechsel zwischen Handlung und Reflexion der Handlung, wobei die Ergebnisse der Reflexion modifizierend auf die reflektierte Handlung angewandt werden - reflektiertes Gestalten. Da nur Beobachter designen können - und damit nicht nur ihre Welt sondern auch sich selbst, z. B. als Individuum, designen gilt:

Design designt.

Damit haben wir eine Erweiterung der Bewusstheit, des traditionellen "sei bewusst", eingeführt. Natürlich setzt Design Bewusstheit voraus, denn anders wäre nichts da, was reflektiert werden könnte. Wenn Bewusstheit (Einpunktigkeit, Wachheit, Achtsamkeit) in der Beobachtung 1. Ordnung und Reflexion (die, als Beobachtung 2. Ordnung auch immer Beobachtung 1. Ordnung ist und deshalb unter der Forderung der Bewusstheit steht) oszillieren, ist der ganze Mensch einbezogen: Sinnlichkeit und Vernunft.

In der Beobachtung 1. Ordnung ist die Welt fraglos selbstverständlich. Es ist was ist und es geschieht was geschieht. Daran kann Bewusstheit nichts ändern. Erst in der Reflexion wird Beobachtung fragwürdig, denn man beobachtet Beobachtungen daraufhin, auf welchen Unterscheidungen sie basieren - und erkennt dadurch ihre Kontingenz.

Versuchen wir uns das am Beispiel anschaulicher zu machen.

Jemand sagt, dass er Karriere machen wolle. Er unterscheidet - mindestens implizit - Karriere / Nichtkarriere und bezeichnet Karriere. Wenn er dabei bleibt (Beobachtung 1. Ordnung) gestaltet er sich, sein Leben und seine Welt - als Karriere. Wenn er sich aber fragt,

  • welche Unterscheidung benutze ich, d.h. was ist der Gegenbegriff zu Karriere,
  • was ist die Einheit dieser Unterscheidung,
  • wovon unterscheide ich die Unterscheidung Karriere / Gegenbegriff,
  • nach welchem Programm (Kriterien) sortiere ich die Einheit auf die beiden Seiten und
  • welche alternativen Unterscheidungen könnte ich benutzen,

ist er zur Reflexion übergegangen.

Die erste Frage macht deutlich, dass der Gegenbegriff zu Karriere nicht einfach Nichtkarriere ist, also alles andere als Karriere, sondern dass die Bezeichnung der einen Seite als "Karriere" die andere Seite der Unterscheidung limitiert: es kommen nur Alternativen zu Karriere in Frage, nicht jedoch Tische und Stühle, obwohl diese auch Nichtkarriere sind (Hegel: bestimmte Negation). Die Welt wird zur Gesamtheit möglicher - positiv oder negativ karrierebezogener - Lebenspläne mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten der Selektion. Welcher Gegenbegriff nun gewählt wird, z.B. Kinder aufziehen oder Sozialhilfeempfänger, hat Auswirkungen auf die folgenden Fragen.

Während alle fünf Fragen Sinn prozessieren, ist mit der letzten Frage der Übergang zum Sinn des Lebens vollzogen: die aktuale Entscheidung über den Lebensweg wird im Lichte alternativ möglicher Entscheidungen beobachtet. "Sinn" ist - nach Luhmann - die Einheit der Unterscheidung von Aktualität (gegenwärtige Situation) / Possibilität (Möglichkeit, Virtualität). Sinn liegt auch in der Beobachtung 1. Ordnung vor, aber unbewusst (latent): er begleitet jede Unterscheidung, weil sie immer auch anders möglich wäre, Selektion aus einem Unterscheidungsraum (Possibilität) ist. Wer die Welt als sinnlos beobachtet, hat "sinnlos" aus anderen Sinn-Möglichkeiten als Sinn selegiert: Sinnlosigkeit ist der Sinn seiner Welt.

[In Luhmanns Sinnbegriff ist Gotthard Günthers Polykontexturalität aus- und "Rejektion" als Kontingenz eingearbeitet. Das Aktuelle ist die Kontextur und die vielfältigen anderen Möglichkeiten (Possibilität) sind unbenutze Kontexturen, also Rejektionspositionen, die das "auch anders möglich" ausfüllen. Der Übergang von der aktuellen Unterscheidung (Günther: Kontextur) zu einer anderen möglichen Unterscheidung (Kontextur) ist Günthers "Transjunktion".]

Im vorstehenden Text sind viele Behauptungen enthalten. Ist das alles wahr?

In der alteuropäischen Gesellschaft - und teilweise noch heute - wurde die Welt nach dem ontologischen Schema Sein / Nichtsein beobachtet. Wenn man so beobachtet stellt, sich die Frage nach der Identität - dem Sein, der Substanz oder dem Wesen - des Beobachteten: zum Beispiel der Identität Gottes, der Identität der Gesellschaft, dem Wesen des Menschen oder dem Sein des Baumes. Es stellt sich die Frage der Washeit, was etwas ist. Das ist die Frage nach dem Wesen: wie etwas jenseits aller Meinungen sich aus bestimmten oder bestimmbaren Teilen zusammensetzt, was sein harter Kern ist, seine wesenhafte Bestimmtheit die es hat und die es zu finden gilt.

Es geht also nur darum "richtig" zu beobachten und das Wesen oder die Wahrheit zu erfassen. Die Wahrheit kann man nur verfehlen, wenn falsch beobachtet wird. Die der Beobachtung zugrundeliegende Unterscheidung wird von den Objekten der Beobachtung vorgegeben, nicht etwa von den Beobachtern erzeugt - und wenn doch, dann wird falsch beobachtet.

Wenn man nun bemerkt das nur Beobachter beobachten und unentwegt beobachtet werden, es mannigfache Beobachter und Beobachtungen gibt, in Beobachtungen unterschiedliche Unterscheidungen und damit verschiedene Realitäten aktualisiert werden und diese sich nicht auf eine für alle Beobachter verbindliche und "absolute Beobachtung" (Erkenntnis) bringen lassen, wird das ontologische Schema unplausibel. Beobachtungen werden als kontingent erkannt, d. h. als nicht notwendig, aber eben so wie sie geschehen möglich - und immer auch anders möglich. Es gibt keinen privilegierten Standpunkt mehr - sei es Kaiser, Papst, Bibel oder Gott - von dem aus entschieden werden könnte, welche Beobachtung die eine wahre Erkenntnis ist. Selbst eine Mehrheit von Beobachtern, die das gleiche beobachten, d.h. die gleiche Unterscheidung zugrundlegen, kann nicht mehr im geringsten Wahrheit garantieren.

Das Problem des alteuropäischen Denkens ist der verlorene Performativ:
Wer sagt das?

Wenn das so ist, dann muss man von Erkenntnis auf Beobachtung und von Wahrheit auf Kontingenz umstellen. Von der Erkenntnis der Washeit (Wesen, ontologisch, Beobachtung 1. Ordnung) auf Beobachtung des Wie (funktional, Beobachtung 2. Ordnung, Reflexion): Wie funktioniert denn das? Damit entsteht das moderne wissenschaftliche Denken.

Nun zeigen die Überlegungen zur Beobachtung, dass der Beobachter in der Beobachtung immer als sein eigener Gegenstand vorkommt: er beobachtet sich selbst mit und durch sich selbst. Der Beobachter operiert also selbstreferentiell (auf sich selbst bezogen). Selbstreferenz ist die Bedingung der Möglichkeit, die Einheit (Identität) des Beobachters herzustellen: er muss sich selbst als Beobachter beobachten können. Bewusstsein oder das Subjekt sind also nicht Voraussetzung, sondern Folge von Selbstreferenz. Damit wird der ontologische Primat des Bewusstseins als einzige Struktur mit der Fähigkeit zur Selbstreferenz unterlaufen, denn wenn Bewusstsein nur eine Folge von Selbstreferenz ist, nicht umgekehrt, kann es andere Strukturen geben, die beobachten können. Als solche Strukturen wurden bisher neben dem Bewusstsein z.B. Zellen, Nervensystem und Kommunikation beobachtet.

Man kann natürlich weiterhin ontologisch beobachten. Hier wird nicht behauptet, dass das falsch sei. Die Frage ist einfach: was sieht man wenn man so beobachtet? Antwort: sehr wenig, nichts interessantes und nichts, was mit wissenschaftlichen Beobachtungen kompatibel ist. Wem es reicht, was er aus dieser Perspektive sieht, mag so beobachten - und Kontingenz als "Diktatur des Relativismus" diabolisieren.

Ist das alles wahr? Natürlich nicht. Es ist eine kontingente Beobachtung. Es wird so beobachtet, wenn man so beobachtet :-)

Aber wie kommen wir dazu gerade so zu unterscheiden? Nur dadurch, dass wir unsere Unterscheidungen mit anderen Unterscheidungen vergleichen und dann entscheiden. Die Kontingenz, die in jeder Entscheidung liegt, können wir nur mit Kontingenz bekämpfen. Eine gewisse Kontrolle (De-kontingentisierung) über unsere (kontingenten) Unterscheidungen können wir nur bekommen, wenn wir die Kontingenz der Unterscheidungen in unseren Entscheidungen berücksichtigen. Das ist nur durch ein "re-entry" möglich, also durch Wiedereinführung der Unterscheidung in die Unterscheidung.

Durch den re-entry können wir unsere eigene Selbstreferenz bearbeiten, indem wir die Funktionsfähigkeit, Leistungsfähigkeit und Reflexionsfähigkeit unserer Unterscheidungen beurteilen. Durch das re-entry können die getroffenen Unterscheidungen beobachtet werden, ohne sie verlassen zu müssen: Ist gut / böse gut oder böse? Damit können Entscheidungen systemintern begründet werden durch Vergleich mit alternativen Unterscheidungen: Ist wahr / unwahr wahr oder unwahr? Anders ausgedrückt: Ist meine Methode wahr / unwahr zu unterscheiden wahr oder unwahr?

Wir können dann nicht sagen, dass eine Beobachtung wahrer sei als eine andere Beobachtung. Wir können nur feststellen, was wir "so far" beobachten und was wir "from now on" beobachten. Erkenntnistheorie unterscheidet nicht mehr in der Sachdimension Beobachter (z. B. Subjekt) / Beobachtetes (z. B. Objekt) und versucht dann festzustellen, wie gut die Beobachtung mit dem Beobachteten übereinstimmt: wahr / falsch. Erkenntnistheorie unterscheidet jetzt in der Zeitdimension "so far" (Vergangenheit) / "from now on" (Zukunft) und die Barre ("/") ist die Gegenwart.

Beobachtungen scheitern nicht an beobachteten Objekten oder einer Realität,
sondern an anderen Beobachtungen.
Die Realität sind unsere Beobachtungen "so far".

Nun leben wir alle schon in einer Realität, die von einer Fülle von Unterscheidungen bestimmt ist. Die selbstverständlichen Unterscheidungen, die wir benutzen sind konditioniert, d.h. wir bemerken gar nicht mehr, dass wir diese Unterscheidungen immer wieder selbst erzeugen, sondern erfahren sie als selbstverständliche und vorgebene Realität. Das plausibilisiert natürlich ihre Beobachtung nach dem ontologischen Schema. Abhilfe? Verlernen! Lernen ist immer auch verlernen.

Statt der einen ontologisch wahren Welt haben wir nun eine Fülle von Welten gewonnen, die sich alle auch noch in der Zeit verändern (so far -> from now on) - und uns damit Orientierungsprobleme eingehandelt: Unübersichtlichkeit. Wir wollen die gewonnene Fülle an Alternativen nicht wieder aufgeben, sie machen das Leben spannender. Aber wir brauchen dennoch Orientierung, denn sonst verlaufen wir uns im Nirgendwo. Abhilfe kann nur ein selbstreferentielles, die Welt als Realität konstituierendes Beobachtungssystem schaffen, welches beide Bedingungen erfüllt.

Auf dem Hintergrund dieser Überlegung können wir manche Philosophen neu lesen (beobachten). Mir erscheinen z.B. Luhmann, Günther, Hegel, Nietzsche, Whitehead und Heidegger besonders geeignet für solche Orientierungsexplorationen - aber das soll andere Möglichkeiten nicht ausschließen.

Das Liber L vel Legis ist ein Welt als Realität konstituierendes selbstreferentielles Beobachtungssystem. Was es für unsere Zwecke qualifiziert ist: Es ist kein wissenschaftliches Beobachtungssystem, sondern ein Kunstwerk von Metaspielregeln: Gesetzen zum Erschaffen von Spielen. Es ist den Beschränkungen wissenschaftlicher Methode nicht unterworfen, dennoch mit wissenschaftlichen Beobachtungen kompatibel. Es gibt kein anderes Kunstwerk, welches diese Bedingungen erfüllt. Natürlich müssen wir das Liber Legis anwenden, d. h. mit seinen Unterscheidungen beobachten, damit es Realität wird.

Auf dieser Website werde ich das Unterscheidungsspiel spielen: konditionierte Unterscheidungen als solche bewusst machen, mit neuen Unterscheidungen spielen - und Anderswelten erkunden.

P.S.: Wenn im Text ein "ist" erscheint, so ist das nicht im Sinne von Identität, Substanz oder Sein zu verstehen, sondern meint: "tun wir so, als ob" oder "wird so beobachtet".

"Die Rose ist rot" = "Wir beobachten die Rose als rot" oder
"Tun wir so, 'als ob' die Rose rot sei".