Lethos und Aristoteles

Das Wort "Lethos"

Das Wort "Lethos" ist eine Wortschöpfung aus dem griechischen Wort "legein" (sammeln), woraus Logos (u.a. Rede, Vernunft) abgeleitet ist, und Mythos (Erzählung von ursprünglichen Ereignissen). Lethos, lethisches Denken, ist die Fusion von logischem und mythischem Denken, die gewöhnlich als sich ausschließende Gegensätze angesehen werden.

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Die Bezeichnung erinnert an "Leto II", Sohn des Paul Muad Dib Atreides, Gottkaiser des Wüstenplaneten (Herbert, Frank, Der Gottkaiser des Wüstenplaneten), das ist nicht ungewollt.

Wichtiger ist der Anklang an das griechische Wort "lethe" (vergessen, verborgen), dessen Negation "aletheia" das Unverborgene, das Offene bezeichnet. "Lethe" ist in der griechischen Mythologie einer der Flüsse, die durch das Reich des Hades, die Unterwelt, fließen. Es ist der Fluß des Vergessens, aus dem die Schatten der Toten trinken, um ihr vergangenes Leben auf Erden zu vergessen. Man muß vergessen, um zu lernen - um im Fluß zu bleiben!

Das Grundschema lethischen Denkens

Bevor wir uns in der Theorie verirren, kommen wir direkt zur Praxis. Das Grundschema lethischen Denkens ist:

  • Logisch: Entweder A oder Nicht-A (-A). Entweder gilt A oder es gilt -A ("-A" bedeutet Nicht-A, die Negation von A), eines von beiden ist wahr, das andere falsch. Es kann nicht beides wahr oder beides falsch sein (kontradiktorisch).
    Fuzzisch (eine Modifikation des Logischen): Teilweise A und teilweise -A. Zwischen A und -A gibt es einen kontinuierlichen Übergang.
  • Kreativ: Weder A noch -A. Beides ist falsch, aber was dann?
  • Mythisch: A & -A. Es gilt A und -A, beides ist wahr.
  • Lethisch: logisch-kreativ-mythisch - das wird im folgenden ausführlich behandelt.

So ergeben sich zu jeder Postion vier Alternativen: A, -A, Weder A noch -A und A & -A.

Beispiel:

  • Logisch: Es gibt entweder nur einen Gott oder viele Götter, aber nicht beides zusammen.
    Wir müssen also herausfinden, welche Behauptung die Wahrheit ist.
  • Kreativ: Es gibt weder einen noch viele Götter.
    Die Alternative wird zurückgewiesen durch z.B.: Es gibt keine Gottheit, weder eine noch viele. Mit der Gegenbehauptung, es gibt Gottheit kann das lethische Spiel dann weitergehen.
  • Mythisch: Es gibt einen Gott und viele Götter.
    So sahen das z.B. die alten Ägypter: Es gibt viele Götter, jeder Gott ist der Eine, aber keiner der Einzige.

Ein praktisches Anwendungsbeispiel wie es alltäglich sich als Problem stellt:

  • Entweder ich habe Recht oder Du hast Recht, wir können nicht beide Recht haben.
  • Weder ich habe Recht noch hast Du Recht, wir haben beide Unrecht.
  • Ich habe Recht und Du hast Recht, wir haben beide Recht.

Lethisches Denken verbindet Logik, Kreativität und Mythos zu einem Weg, der neue Erfahrungen eröffnet. 

Der moderne Mensch denkt logisch: zweiwertig und hierarchisch!

Die Grundlage alles Denkens der letzten 2000 Jahre ist die aristotelische Logik. Sie wird so genannt, weil sie von dem griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v.Chr.) begründet wurde. Ihr Kennzeichen ist Zweiwertigkeit (entwder A oder -A, aber kein Drittes) und das daraus folgende Denken in Hierarchien. "Zweiwertigkeit" bedeutet: Denken in  sich gegenseitig ausschließenden Gegenüberstellungen wie wahr/falsch, Mann/Frau, Sein/Nichts, Gott/Teufel usw. "Hierarchien" meint das Denken in Gliederungen vom Höheren zum Niederen (Tier -> Säugetier -> Mensch) und an der Spitze aller Gliederungen steht die Wahrheit, Gott, das Ich oder ein allgemeines Prinzip.

Da wir alle in einer Kultur aufgewachsen sind, die diese Logik als Denkstruktur verinnerlicht hat, denken wir im Rahmen dieser Logik - gewöhnlich, ohne das auch nur zu bemerken. Dieses Denken erfordert keine Logikschulung, wir saugen es sozusagen mit der Muttermilch auf. Auch wer denkt, daß er mit Logik nichts am Hütchen hat, denkt in dieser Logik :)

Die folgenden Überlegungen sind vielleicht nicht einfach zu verstehen. Aber das ist normal, wenn es um ein Denken geht, welches die Tradition überschreitet. Eine große Gefahr besteht darin, daß man das lethische Denken mit der Brille des zweiwertigen Denkens versteht - und es so grundlegend mißversteht. Auf diese Gefahr kann nur aufmerksam gemacht werden.

Betrachten wir zunächst die Struktur des aristotelischen Denkens.

Die zweiwertige Logik beruht auf vier Prinzipien:

  • Der Satz der Identität: Alles ist mit sich identisch und verschieden von anderem: A = A. Wenn jemand ein Mann ist, dann ist er ein Mann - und weder Frau noch Kind.
  • Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch: von zwei sich widersprechenden Aussagen kann nur eine wahr sein: nicht(A und nicht-A) : ((Albert ist 12 Jahre alt) und (Albert ist 30 Jahre alt)) ist falsch, nur eine der beiden Aussagen kann wahr sein.
  • Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten: von zwei Sätzen, von denen einer das vollständige Gegenteil des anderen aussagt, muß einer wahr sein, entweder A oder nicht-A, aber kein Drittes. Entweder Albert ist ein Christ oder Albert ist ein Nicht-Christ.
  • Der Satz vom zureichenden Grund: Alles hat einen Grund, warum es so ist, wie es ist, z.B. das Universum ist entstanden, weil Gott es erschaffen hat.

Auf dem in diesem Grundsätzen eingeschlossenen Denken beruht unsere Kultur. Deshalb denken und diskutieren wir positional, d.h. wir halten eine bestimmte Aussage für wahr, die gegenteilige Aussage für falsch, versuchen unsere Überzeugung als wahr zu begründen und die gegenteilige Überzeugung zu widerlegen. Moderne mehrwertige Logiken lassen sich alle auf die zweiwertige Logik zurückführen bzw. sind aus dieser entwickelt worden.