Rekord-Amokläufer

Nun haben wir also einen neuen Rekord: Amokläufer tötet 32 Menschen. Wo? Auf dem Campus der Virginia-Tech-Universität. Wer? Der 23-jährige gebürtige Südkoreaner Cho Seung Hui. Systemtheoretiker würden in ihrem üblichen Duktus wohl fragen: "Wie?" Aber das scheint mir makaber.

Die Normalfrage wäre: Warum?

  • Politiker können die übliche Antwort "gewaltverherrlichende Computerspiele" auspacken. Damit ist alles klar, einige neue Gesetze und das Problem ist beseitigt.
  • Hans Magnus Enzensberger gibt in "Schreckens Männer" die Antwort: "Größenphantasie und Rachsucht, Männlichkeitswahn und Todeswunsch gehen auf der verzweifelten Suche nach einem Sündenbock eine brisante Mischung ein, bis der radikale Verlierer explodiert und sich und andere für sein eigenes Versagen bestraft." Schlußfolgerung: "Damit wird eine Weltgesellschaft, ... die fortwährend neue Verlierer produziert, leben müssen." Also ein wenig Einsicht in die 'Realzusammenhänge' und wir finden uns damit ab.
  • Eine rezente Studie des "Institut Rheingold" (tiefenpsychologische Markt- und Medienforschung) berichtet: "Jugendliche wissen nicht mehr, wofür sie gebraucht werden, wofür sie kämpfen und wogegen sie rebellieren können". Jugendliche, meinen die Forscher, träumen davon Superstar zu werden und haben gleichzeitig Angst vor Harz IV. Ihr Weltbild schwanke "zwischen Himmel und Hölle". Gut, gut, dann müssen wir diesen orientierungslosen Schäfchen eben geben, was sie von den Erwachsenen erwarten: Klartext und Standpunkt. Dummerweise nicht um diese Positionen zu übernehmen, "sondern um eigene Gegenpositionen entwickeln zu können". Was das Rezept leider ins Paradox treibt. 
  • Elfriede Jelinek schreibt im FAZ-Interview  - und das scheint thematisch zu passen: "Es ist der Neid derer, die nicht leben können (wie ich), auf die Lebenden, den ich hier paradigmatisch abzuhandeln versuche. Ich bin nicht tot, aber ich empfinde mich als eine lebende Tote," - was sie auf eine "psychische Erkrankung" zurückführt. Was immer das bedeuten mag, sie meint jedenfalls: Ich kann nicht anders

Da haben wir also einige Antworten: neue Gesetze, damit abfinden, Paradox und: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders". An diese 'Problemlösungen' mag glauben wer will - mir ist das alles nicht besonders plausibel.

Viktor E. Frankl hat schon in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts auf die Gefahren hingewiesen, die der Sinn- und Orientierungsverlust der Menschen unter den Bedingungen der Moderne (Kontingenz: alles ist auch anders möglich) mit sich bringt. Die Antwort lautet dann: Sinnorientierung. Aber, darauf weist  Frankl hin: Sinn ist etwas, was nicht gegeben werden kann, sondern selbst gefunden werden muß.

Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sind offensichtlich für Sinn nicht zuständig und die Religion 'gibt' Sinn, der, weil Sinn eben selbst gefunden werden muß, kein plausibler Sinn sein kann: Du wirst daran glauben -  oder du wirst dran glauben. So gesehen sind Terroristen ausgesprochen religiös.

Martin Heidegger wechselt die religiöse Perspektive: "Nur noch ein Gott kann uns retten. Die einzige Möglichkeit einer Rettung sehe ich darin, im Denken und im Dichten eine Bereitschaft vorzubereiten für die Erscheinung des Gottes oder die Abwesenheit des Gottes im Untergang; daß wir nicht, grob gesagt, 'verrecken', sondern wenn wir untergehen, im Angesicht des abwesenden Gottes untergehen." (Martin Heidegger Spiegel-Gespräch, Der Spiegel, 23. September 1966. )

Niklas Luhmann hält dagegen: "Tatsächlich liegt das, glaube ich, an einem Grundproblem, das man auch in der Wissenschaft findet oder auch in der Wirtschaftstheorie, daß nämlich das Problem der Referenz nach außen hin fraglich geworden ist, daß man also nicht mehr Objekte, Leistungen, wirtschaftlicher, erkenntnismäßiger, künstlerischer Art an einer Entsprechung nach außen hin messen kann, welche Qualität auch immer man dann zusätzlich noch fordert, sondern das ganze Problem in die Differenz von Selbstreferenz und Fremdreferenz verlagert wird; daß es also irgendwie darauf ankommt, nicht nur sich selber, aber auch nicht nur etwas anderes zu bezeichnen, sondern eine Kombination zu finden. Dadurch, daß man selber ist, was man ist, kann man auch gleichzeitig in der Welt sein. Darin sehe ich eine Struktur der modernen Gesellschaft oder eine Struktur der Intellektualität, die die moderne Gesellschaft eigentlich erfordern würde." (Luhmann - Aus: Bielefelder Stadtblatt vom 30. September, 1990, S.10 Im Gespräch).

Worauf können wir uns nun verlassen? Mit Sicherheit darauf, daß der neue Amokrekord bald überboten werden wird. BTW, sind 32 Tote ziemlich lächerlich gegen die Massen von Toten die täglich andernorts auf der Welt 'produziert' werden. Könnte es da Zusammenhänge geben?

Fassen wir zusammen:

Als die Büchse der Pandora auf Erden erschien,
Da begann vor der Sorge die Freude zu fliehn.

(Lord Byron)

Schönen Tag noch ...

Kommentare

In den etablierten Medien wurde auch der wunderbare Begriff  "Trauerarbeit" erwähnt, der genauso sinnfrei ist wie die scheinbare und verlogene Betroffenheit.

Ich vermute sogar, dass hinter dieser Betroffenheit und Trauerarbeit eine versteckte Freude sich befindet. Amok-Laufe sind tragisch. Tagische Ereignisse lösen Tränen aus - und die Reinigung von den Emotionen.

 

 

fühlt man sich endlich mal wieder so richtig gut  und:

Muß nichts ändern.

Die heimliche Freunde, wie Du´s formulierst, am Leiden anderer hat so durchaus seinen - obwohl sinnlosen  - Sinn.

 

es ist schon erstaunlich wie nicht nur amazon sofort reagiert

  für manche ist klar der mann war....

na was wohl??? richtig moslem !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

http://www.politicallyincorrect.de/2007/04/der_islamkonvertit_cho_ismail...

soetwas zeigt deutlich das begriffe wie wahrheit und realität immer mehr verschwimmen  ich frage mich ernsthaft wie sich das auf die zukunft der menschen auswirken wird  ich bin mir nicht sicher ob ich das erleben will

haben eben mit Wahrheit oder Realität nix zu tun: "Massenmedien sind also zuallererst generalisierte Kommunikation, die eine scheinbare Welt erster Ordnung entstehen lässt." (Quelle) "Das Verhältnis von Realität und Fiktion fließt in den Begriff des Virtuellen ein, dessen Interpretation komplizierter ist, als es angesichts der Pseudo-Vertrautheit mit diesem Modewort erscheint." (Fortsetzung)

Sinnverlust ist gefährlich, mindestens dies demonstriert jeder Amokläufer. 

Sinn selbst zu finden - das Heilmittel gegen Sinnverlust - ist nicht eben die leichteste Lösung.

Oder doch? - Weil die einzig mögliche.

Nundenn, das Finden ist dann halbes Er-finden von Sinn, ein Wagnis jedenfalls.

So entziffere ich Dein Luhmann-Zitat;